#AnsKap | Eine Buchbesprechung

Wir befinden uns mitten in Schweden, ein paar hundert Kilometer nördlich von Stockholm, und sehen dem Helden unserer Geschichte dabei zu, wie er im See badet. Oder zumindest wie er im See baden will. Er steht nämlich einfach nur da und tut scheinbar nichts.

„Minutenlang stehe ich bis zu den Knien im Wasser, starre hinaus auf den See und stelle mir vor, wie ich langsam in die Knie gehe, die Wasseroberfläche sich an meinem Körper hochschiebt bis zum Hals, ich mich abstoße und schließlich hineingleite. Drüben am Ufer schimmern Boote und zwischen den Bäumen lugen Holzhäuser. Es ist wie aus dem Alltag in das Reiseleben hinüber gleiten, denke ich. Fast das selbe Gefühl, wie ich es am ersten Reisetag hatte. Nur, dass ich ruhiger bin. Das Reiseleben erscheint einem zu Hause, „im laufenden Betrieb“ des eigenen Lebens wie eine kühle, unheimliche Wassermasse, in die man steigt. […] Es ist nicht das kalte Wasser, das mir Schwierigkeiten macht, in den See zu steigen, und es ist auch nicht das Unterwegssein, das das Losradeln so schwer macht, es ist die Vorstellung, dass der See kalt ist und dass unter der Oberfläche, wenn man einmal schwimmt, Unbekanntes liegt, das jederzeit am schutzlosen Körper züngeln könnte. Unterwegs, wie hier in der konkreten Situation. Diese Seerose, da vorne, da verstecken sich doch sicher Tiere, die nur darauf warten, den Schwimmer, wenn er denn mal endlich eintaucht, zu beäugen. Hirngespinste. Genau wie beim Reisen.“

Jürgen Rinck schreibt im Kapitel Übergang über seine Motivation und die Schwierigkeit einfach Loszuradeln. Und was es bedeutet, das Leben daheim – mit all den Sicherheiten, scheinbaren und echten Pflichten und den lieben Menschen – für eine Weile hinter sich zu lassen. Es ist seine Hingabe an den Weg, die auf der Radreise ans Nordkap auf jeder Seite seines Buches sichtbar wird. Sie ist der rote Faden seines künstlerischen Schaffens, das nicht zuletzt auch aus Reisen wie dieser lebt.

Ein Lob der Langsamkeit sind sie auch, sein Reisegeschichten vom Weg ans Kap, und ein Anachronismus zum Immer-Schneller und Immer-Mehr unserer Zeit, zumindest was seinen Reiserhythmus betrifft. Zwar ist Rinck mit viel moderner Technik unterwegs, doch diese ist nur Mittel zum Zweck. Zweck und Ziel der Reise ist es womöglich, eine Brotkrümelspur durch Raum und Zeit zu legen, genauer hinzuschauen als wir gemeinhin können, genauer hinzuhören. Rinck ist nicht nur sein eigener Chronist, er fühlt auch der Zeit auf den Zahn. Velosophisch nennen Blog- und Twitter-Follower seine Blogtexte, die von unterwegs, in Echtzeit, aufs Netz geladen werden. Seine Aufnahmen von unterwegs – in Worten und mit der Kamera eingefangen – sind keine geschönten Bilder, sondern Skizzen, die keinen Anspruch auf Objektivität erheben. Genau davon lebt das vorliegende Buch.

In origineller Sprache mit Schalk, Humor und Tiefgang, erzählt Jürgen Rinck vom Leben auf der Straße. Von den Begegnungen mit anderen Menschen, abwesenden Katzen, Elchen und sich selbst. Und selbst wenn er einen kritischen Blick auf Zerfall und Zerstörung wirft, ist es niemals der Moralfinger, der da winkt.

„Was sehne ich mich nach einem Kinobesuch, irgendwo in Deutschland oder der Schweiz in irgendeinem lustigen Film. Einem Spaßbad, einem Open Air-Konzert oder einem Besuch in einem Technikmuseum. Egal. Irgendwas, was den goldenen Vorhang wieder vor meine Augen zieht, damit ich weiter an die Illusion der Ewigkeit des gelebten Lebens glauben kann und daran, dass das, was ich tue, was wir tun, was vorgeht in dieser Welt, einen Bestand hat.
Die Risse im Asphalt des Radwegs am Kalixälven zerstören diese Illusion. Ein, zwei Jahre nichts tun, ein, zwei Jahre keine Menschen, die hier Hand anlegen, und der Weg sieht aus wie nie gewesen. Schon jetzt drängen sich Birkenschösslinge neben Gras aus der Narbe im Teer. […]
Nun, beim Frühstück im Schneidersitzbüro, beobachte ich das Hafentreiben. […]
Niemand nimmt Notiz von mir, bzw. es ist so, als gehöre ich dazu. Teil des Hafens in einem kleinen schwedischen Dorf an der Ostsee. Das ist wie Davy Jones in Fluch der Karibik. Tausend Jahre Teil eines gesunkenen Kahns sein.

Hach, und gerade hätte ich echt Lust, mir die Fluch der Karibik-Filme anzuschauen.“

© by Denise Maurer

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Jürgen Rinck

#AnsKap | Mit dem Fahrrad ans Nordkap
Erschienen bei als eBook (pdf und epub) bei sosofe-ebooks
EUR 9.99 | Fr. 11.–

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Über den Autor
Jürgen Rinck alias Irgendlink, geboren 1966 in Zweibrücken, studierte Bauingenieurwesen und Wirtschaftslehre, bevor er sich ab 1995 der Entwicklung von konzeptuellen Kunstprojekten widmete. Autodidakt. Schwerpunkte sind Fotografie in Kombination mit Literatur und Software, was zu einer Genre-Mischung führt, für die es keine Vorlage gibt: Appspressionismus.

Irgendlink lebt auf einem einsamen Gehöft in Rheinland-Pfalz.
Kontakt: irgendlink[at]t-online.de
Webseite: http://irgendlink.de

Über das Buch
1995 radelte Jürgen Rinck alias Irgendlink von Mainz bis fast ans Nordkap und machte alle zehn Kilometer ein Foto der bereisten Strecke.
Zwanzig Jahre später begibt er sich auf die Suche nach seiner eigenen Spur zu den alten Fotostandorten. Das Projekt wird live gebloggt. „Diesseits und jenseits der digitalen Revolution“ könnte der Arbeitstitel dieser Geschichte sein. Neben der rein physischen Reise durch Deutschland und Skandinavien tritt der Künstler auch eine Reise durch die jüngste Geschichte an. Politisch, geografisch und technisch sind wohl nie so viele bahnbrechende Ereignisse auf engstem Raum eingetreten wie in diesem Jahrzwanzigst. Von „Windows 95“ bis Ubuntu „Snappy“, von papierenen Landkarten bis zum GPS, von Null bis Facebook, Twitter und noch ein Stückchen weiter hinein in die Cloud. Die Reise führt vom Europa der Grenzen und vielen Währungen in ein vereinigtes Etwas von 28 Staaten, das sich womöglich vor einer Zerreißprobe befindet. Viele Themen gibt es und täglich frisch bloggt der Reisekünstler über seine Erlebnisse. Vor der malerischen Kulisse einer Künstlervergangenheit spielt ein live erlebter Roadmovie und jeder, der sich in dieses Blog vertiefen mag, ist mit dabei.
[Quelle: Jürgen Rinck]