Tausend Tode schreiben | Eine Buchbesprechung

Für die finale Version des nachfolgend besprochenen Buches können noch bis am 30.1.2017 Texte eingereicht werden. Zu den Teilnahmebedingungen geht es ⇒ hier lang.

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Ein Buch wie keins zuvor, denn weder ist dieses Werk, das es seit 1. Dezember 2014 zu kaufen gibt, während ich diese Zeilen hier schreibe, abgeschlossen, noch wird es wohl je wirklich fertig sein. Selbst dann nicht, wenn zur Leipziger Buchmesse im März 2015 die finale vierte Version erscheinen wird. Das ist deshalb möglich, weil dieses Buch nicht gedruckt sondern als eBook erscheint. Wer eine heute aktuelle Version kauft, erhält in einigen Wochen die Updates automatisch per Mail zugeschickt. Ein virtuelles Buch also, das sich, wie andere auch, auf eBook-Readern, Smartphones, Tablets und Rechnern lesen lässt. Und doch kein Buch wie jedes andere.

Selbst wenn es der Verlegerin Christiane Frohmann gelingt, tausend Menschen dazu zu bewegen, ihre Erfahrungen mit dem Tod zu erzählen, wird dieses Buch auch im März nie wirklich fertig sein. Solange Menschen geboren werden und sterben, wird es weitererzählt werden. Dieses Buch ist gleichsam ein Zeitdokument. Die monumentale Momentaufnahme von Todeserfahrungen einer gesamten Gesellschaft.

Wird ein Buch, an dem so viele Menschen – auch Laien – mitschreiben, nicht beliebig? Eine berechtigte Frage. Ich behaupte: Nein, kein Tod ist beliebig.

Nachdenken über den Tod kann hinführen zum Leben. Schreiben über den Tod kann verstehen helfen. Lesen über den Tod kann trauern helfen. Lauter Möglichkeiten, welche dieses Buch in sich vereint. Seite für Seite. Mich bereichert, wie authentisch die bisher erschienen Berichte sind. Es gibt bis jetzt kaum Texte, die bei mir nichts auslösen.

Die erste Version dieses eBooks entstand fast heimlich. Einen kleinen Aufruf auf Twitter gab es, der schnell die Runde unter uns Schreibenden machte. Weil ich von Anfang an Feuer fing für das Projekt, dessen Konzept mir Christiane Frohmann per Mail zugesandt hatte, durfte ich mich an der Entwicklung des Ganzen unmittelbar beteiligen.

Die ersten 135 Texte erschienen am 1. Dezember und sie stammen, wie gesagt, vor allem von Menschen, die beruflich als Schreibende und Erzählende unterwegs sind. Ihnen folgten im Januar weitere 112 Texte. Diese zweite Version beinhaltet nun auch Texte von Menschen, die nicht unbedingt täglich schreiben, die jedoch dem Tod schon auf die eine oder andere Weise oder auch von Berufs wegen in die Augen geschaut haben. In der dritten und vierten Version werden nun auch anderssprachige Autorinnen und Autoren angesprochen. Das Exposé ist diesmal auch auf Englisch erschienen (Übersetzungen in andere Sprachen sind sicher im Interesse der Verlegerin → Direkter Link zum Exposé).

Von außen lässt sich schwer über dieses Projekt sprechen, und Favoriten-Texte zu nennen, wird weder dem Buch noch dessen Thema gerecht. Es gibt nur das Eintauchen in die Texte, denn es ist die Betroffenheit, die Tabulosigkeit und der Mut, eigenen Schmerz in Worte zu fassen, der mir dieses Buch so kostbar und einmalig gemacht hat.

Ich wünsche mir, dass Tausend Tode schreiben von vielen Menschen gelesen wird. Weniger mit der Absicht, Kunst – sprich gute Texte, hochstehende, elitäre Literatur zu konsumieren – obwohl es sehr viele, sehr gute Texte darin gibt, als mit dem Ziel mehr über das Leben zu erfahren. Sich berühren lassen, sich auf die Sicht anderer einlassen zu wollen.

Denise Maurer

Auch erschienen im SPUREN 115, Frühling 2015 → hier klicken zum PDF

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Fakten & Vorgeschichte

Christiane Frohmann (Hg.)

Tausend Tode schreiben
ISBN ePub: 978-3-944195-55-1
ISBN mobi: 978-3-944195-56-8
EUR 4,99

Die Idee war und ist, in Form von tausend kurzen Texten tausend höchst subjektive Ansichten auf den Tod zu versammeln, damit diese zusammenwirkend einen transpersonalen Metatext über den Tod schreiben, aus dem wiederum ein plausibles Bild dessen entsteht, wie der Tod in der heutigen Gesellschaft wahrgenommen wird, welche Realität er hat, wie und was er ist. Ich habe Autor*inn*en angesprochen und Menschen, die beruflich oder privat mit dem Tod zu tun haben. Viele dieser Menschen haben weitere Mitwirkende dazugeholt. Wer selbst einen Text zum Tod geschrieben hat oder in sich trägt, kann diesen ebenfalls zu ‚Tausend Tode schreiben’ beitragen (verlag at cfrohmann.com), weil noch weitere Versionen erscheinen werden.

Christiane Frohmann,
Berlin, 27. November 2014

Quelle/Zitat: Frohmann Verlag Berlin

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