Wiederholte Verdächtigungen von Jutta Reichelt | Buchbesprechung

Christoph ist weg. Verschwunden. Katharina weiß nicht, warum. Und auch nicht wohin. Eine irritierende Kurznachricht auf dem Handy verunsichert sie eher als dass sie sie beruhigt. Ebenso wie Christoph verschwunden ist, ist er nach ein paar Tagen auf einmal wieder da, doch er kann nicht sagen, warum er weg war. Jedenfalls noch nicht. So richtig versteht er es nämlich selbst nicht. Versteht nicht, warum er, warum ES diese Zeit gebraucht hat. Nein, es hat nichts mit ihnen beiden, mit Katharina und ihm, zu tun. Eher mit Anne, seiner Schwester und seinem Neffen Finn. Doch was es ist, weiß er nicht.

Jutta Reichelt erzählt eine Geschichte, die tagtäglich irgendwo geschieht. Ihre jungen Protagonisten leben in einem Bremer Außenquartier in einem kleinen Haus, dass sie sich dank eines Erbes hatten kaufen können. Katharina ist freie Schriftstellerin und arbeitet Teilzeit in einem Antiquariat, das sie mit dem Vorgänger desselben und mit ihrer besten Freundin Mechthild zu neuem Leben erwecken will. Christoph ist kurz davor, sein Studium abzuschließen – was genau, weiß ich allerdings nicht so genau. Und er vermutlich auch nicht. Eine ganz normales Paar also, ohne nennenswerte Probleme, und am Bildrand taucht immer wieder Werder Bremen, kurz Werder genannt, auf, was ich – als Fußballbanausin und Schweizerin – zuerst überhaupt nicht verstanden habe.

Warum nur reagieren aber Konrad und Sibylle, Christophs Eltern so seltsam, als Katharina ihnen erzählt, dass Christoph verschwunden ist und was meint Sibylle mit ihrem geradezu sybillinischen Satz, den sie nach dem Essen bei Franco wie ein Stück Glut fallen gelassen hat:
Christoph ist weg. Wie Finn! Wie damals. Nur dass die Schwester die Mutter ist und nicht der Bruder der Vater. Das ist doch kein Zufall.

Katharina trägt nach und nach Schichten ab, ähnlich wie bei den alten Stühlen, die sie im Garten von alten Farbresten befreit. Schichten, FamiliengeSchichten. Eine Spurensucherin wird sie, ohne es geplant zu haben, und löst schließlich Prozesse aus, mit denen niemand gerechnet hat. Und mit denen auch ich nicht gerechnet habe.

In ihrer äußerst kargen, schlichten Sprache, die gerade ihrer Klarheit wegen so glaubwürdig ist, holt Jutta Reichelt in einem trotzdem dichten Erzähltempo Erinnerungen aus der frühen Kindheit Christophs ans Tageslicht, die so unglaublich menschlich sind, furchtbar schrecklich menschlich, dass ich als Leserin nicht anders kann als zu verstehen. Ohne zu verurteilen.

Und obwohl das Buch leise und unaufgeregt daherkommt, erzählt es meisterhaft von jenen Lebenslügen, die uns allen passieren, von diesen Ängsten, die wir alle auf die eine oder andere Weise kennen. Und das macht es zu einem Stück Gegenwartsliteratur, dem ich viele Lesende gönne.

t. So richtig versteht er es nämlich selbst nicht. Versteht nicht, warum er, warum ES diese Zeit gebraucht hat. Nein, es hat nichts mit ihnen beiden, mit Katharina und ihm, zu tun. Eher mit Anne, seiner Schwester und seinem Neffen Finn. Doch was es ist, weiß er nicht.

Jutta Reichelt erzählt eine Geschichte, die tagtäglich irgendwo geschieht. Ihre jungen Protagonisten leben in einem Bremer Außenquartier in einem kleinen Haus, dass sie sich dank eines Erbes hatten kaufen können. Katharina ist freie Schriftstellerin und arbeitet Teilzeit in einem Antiquariat, das sie mit dem Vorgänger desselben und mit ihrer besten Freundin Mechthild zu neuem Leben erwecken will. Christoph ist kurz davor, sein Studium abzuschließen – was genau, weiß ich allerdings nicht so genau. Und er vermutlich auch nicht. Eine ganz normales Paar also, ohne nennenswerte Probleme, und am Bildrand taucht immer wieder Werder Bremen, kurz Werder genannt, auf, was ich – als Fußballbanausin und Schweizerin – zuerst überhaupt nicht verstanden habe.

Warum nur reagieren aber Konrad und Sibylle, Christophs Eltern so seltsam, als Katharina ihnen erzählt, dass Christoph verschwunden ist und was meint Sibylle mit ihrem geradezu sybillinischen Satz, den sie nach dem Essen bei Franco wie ein Stück Glut fallen gelassen hat: Christoph ist weg. Wie Finn! Wie damals. Nur dass die Schwester die Mutter ist und nicht der Bruder der Vater. Das ist doch kein Zufall.

Katharina trägt nach und nach Schichten ab, ähnlich wie bei den alten Stühlen, die sie im Garten von alten Farbresten befreit. Schichten, FamiliengeSchichten. Eine Spurensucherin wird sie, ohne es geplant zu haben, und löst schließlich Prozesse aus, mit denen niemand gerechnet hat. Und mit denen auch ich nicht gerechnet habe.

In ihrer äußerst kargen, schlichten Sprache, die gerade ihrer Klarheit wegen so glaubwürdig ist, holt Jutta Reichelt in einem trotzdem dichten Erzähltempo Erinnerungen aus der frühen Kindheit Christophs ans Tageslicht, die so unglaublich menschlich sind, furchtbar schrecklich menschlich, dass ich als Leserin nicht anders kann als zu verstehen. Ohne zu verurteilen.

Und obwohl das Buch leise und unaufgeregt daherkommt, erzählt es meisterhaft von jenen Lebenslügen, die uns allen passieren, von diesen Ängsten, die wir alle auf die eine oder andere Weise kennen. Und das macht es zu einem Stück Gegenwartsliteratur, dem ich viele Lesende gönne.

© by Denise Maurer

Jutta Reichelt

Wiederholte Verdächtigungen
Erschienen bei
www.kloepfer-meyer.de
ISBN: 978-3-86351-093-0
EUR 20.–

3 Gedanken zu „Wiederholte Verdächtigungen von Jutta Reichelt | Buchbesprechung

  1. Anhora

    Danke für die schöne Besprechung, das Buch interessiert mich. Ich hoffe, es ist bald in der Bücherei zu finden. Nur eins: „Nur dass die Schwester die Mutter ist und nicht der Bruder der Vater.“ Den Satz müsstest du mir erklären, ich habs nicht verstanden.

    Antworten
    1. Denise Beitragsautor

      Dann müsste ich dir das Buch verraten. Sybillinische Sätze haben es so an sich, dass sie nicht so einfach zu verstehen sind. Eigentlich versteht man den Satz erst auf der letzten Seite. Und das ist gut so.
      Ich glaube, es wird dir gefallen.
      Danke für deine Rückmeldung!

      Antworten
  2. Pingback: “Wiederholte Verdächtigungen” – Kurzkritik | Über das Schreiben von Geschichten

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