Blind von Christine Brand | Buchbesprechung

Mitten im Gespräch bricht die Verbindung ab. Das letzte, das Nathaniel hört, ist ein Schrei. Gerade noch hat er mit einer Frau gesprochen, mit der ihn die App ’Be my Eyes’ verbunden hat. Eben noch hat ihm diese Frau, Carole, – entsprechend der Idee dieser App – dabei geholfen, das richtige Hemd zu wählen, das er als Blinder selbst nicht sehen kann. Der Schrei klang eindeutig. Nathaniel ist davon überzeugt, dass die Frau in Gefahr ist, doch die Polizei glaubt ihm nicht. Aus Datenschutzgründen kennt Nathaniel nur Caroles Vornamen.

Buchcover. Der Hintergrund des Buchcovers ist schwarz, die Oberfläche ist an den Ecken aufgerauht und leicht bläulich. Der Buchtitel ist in Kapitälchen groß über die Buchmitte geschrieben. Im zweiten Buchstaben, dem großen L, steht ein Mann, den man nur schemenhaft erkennt. Über dem Titel in hellblau der Name der Autorin, unter dem Titel weitere Information wie Kriminalroman, ein Fitzek-Zitat und der Verlagsname.
Buchcover. Der Hintergrund des Buchcovers ist schwarz, die Oberfläche ist an den Ecken aufgerauht und leicht bläulich. Der Buchtitel ist in Kapitälchen groß über die Buchmitte geschrieben. Im zweiten Buchstaben, dem großen L, steht ein Mann, den man nur schemenhaft erkennt. Über dem Titel in hellblau der Name der Autorin, unter dem Titel weitere Information wie Kriminalroman, ein Fitzek-Zitat und der Verlagsname.

Natürlich weiß er, dass seine Geschichte verrückt klingt, doch Caroles Schrei lässt ihn nicht mehr los und vermischt sich mit seinen Albträumen. Albträume, die ihn schon seit fast dreißig Jahren plagen, seit dem Tag nämlich, an welchem seine Eltern und seine Schwester ermordet wurden und er selbst nur knapp überlebt hat. Wie so oft kämpft er darum, ernst genommen zu werden. Als Mensch, der eben nicht mit den Augen sieht, dafür mit seinen anderen Sinnen wahrnimmt, was den meisten verborgen bleibt, und was seine Suche nach Carole nicht leichter macht, ist er immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert.

Da erinnert er sich an Milla Nova, die vor einiger Zeit eine Reportage über ihn gedreht hat. Milla, investigative Reporterin des Schweizer Fernsehens, besucht Nathaniel spontan und hört sich seine Geschichte an. Milla, die zuweilen übers Ziel hinausschießt und Menschen vor den Kopf stößt, ist immer auf der Suche nach der Wahrheit – und nach der sucht sie auch jetzt, zusammen mit Nathaniel. Zwar hört sich selbst in ihren Ohren alles ein wenig übertrieben an, andererseits vertraut sie Nathaniels Gespür. Darum stellt sie einige Recherchen an, in die sie auch ihren Partner Sandro, neuerdings Dezernatsleiter der Abteilung für Gewaltverbrechen bei der Berner Kantonspolizei, einbezieht.

Diesen aber beschäftigt aktuell ein ganz anderer Fall. Immer mehr unerklärliche HIV-Infektionen geben nicht nur den Ärztinnen und Ärzten des Berner Inselspitals, sondern zunehmend auch der Polizei, Rätsel auf.

Als die beiden Caroles Identität aufdecken können und klar wird, dass Carole hochschwanger ist und sich weder bei ihrer Ärztin abgemeldet hat, noch für ihre Freundin erreichbar ist, erklärt Sandro endlich das Verschwinden Carole Steins zu einem Vermisstenfall. Wer aber hat ein Interesse daran, sie zu entführen und wer ist denn die Frau, die sich am Telefon für Carole ausgegeben hat? Lebt Carole überhaupt noch und, falls ja, reicht die Zeit, um sie zu finden?

Mag sein, dass ein bisschen gar zu viele schier unglaubliche Zufälle ihre Finger mit im Spiel haben, doch Christine Brands Figuren und deren Geschichten wiegen diese Schwäche auf. Brand erzählt so hautnah, dass mein Mund austrocknet, wenn Carole, aus Gründen, die ich nicht verraten will, fast verdurstet und sich mit ihrem voraussichtlichen Tod auseinandersetzt.

Und Milla; iIhre Prioritäten sind zwar klar, doch die Wege dahin oft verworren. Brand zeichnet Millas Ambivalenz gut fühlbar nach. Sie lässt uns die Gefühle und Gedanken ihrer Protagonist*innen – nicht zuletzt auch jene der kürzlich von einem Irren mit HI-Viren infizierten Menschen, die sich mit einem neuen Lebensentwurf auseinandersetzen müssen – hautnah miterleben. Die Autorin mag ihre Figuren und zeichnet sie von innen ebenso glaubwürdig wie von außen.

Mein einziger Wermutstropfen ist, dass aus dem Berner Tram ’die Tram’ geworden ist, was meinen Schweizer Ohren wehtut, doch wohl ein Eingeständnis an das deutsche Lesepublikum ist. So viel Lokalkolorit hätte aber sein dürfen. Finde ich.

Als sich die Ereignisse überschlagen, nimmt die Geschichte Tempo auf, die Spannung steigt und ich gestehe, dass ich das Buch in der zweiten Hälfte kaum mehr aus der Hand legen konnte. Die Seiten blätterten sich irgendwann wie von allein.

Geschickt verwebt Christine Brand Haupt- und Nebenstränge zu einem Ganzen und lässt ihre Figuren souverän agieren. Trotz der manchmal ein bisschen gar zu vielen Zufälle überzeugt der Plot. A kennt B? Was soll’s? Bern ist ein Dorf.

Mir bleibt ein herzliches Merci an die Autorin und den Verlag für die spannenden Lesestunden, die mir das Rezensionsexemplar geschenkt haben.


Blind von Christine Brand
Paperback , Klappenbroschur, 448 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-7645-0645-2
15,00 [D] | € 15,50 [A] | Fr. 21,90 [CH]
Auch als eBook und Hörbuch (gekürzt und Original) erhältlich.
Erschienen am  04. März 2019