Dunkelgrün fast schwarz von Mareike Fallwickl | Buchbesprechung

Buchcover des vorgestellten Buches: Grüne, schwarze Schatten werfende Farnblätter. Mittendrin auf weißem Hintergrund eine Tafel mit Titel und Namen.

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Eins dieser Bücher, die so wehtun, dass sie mich – so genial geschrieben sie auch sein mögen –, zwischenzeitlich fast zum Aufhören zwingen. Zu heftig die beschriebenen Emotionen. Schier unerträglich. Dennoch konnte ich dieser Geschichte nicht widerstehen. Zu ergriffen war ich vom Schicksal der Figuren, zu berührt von der Geschichte jedes einzelnen. Von der ersten Seite an hat mich Fallwickls Sprache ergriffen, mich hineingezogen in das Fühlen, Denken und Erleben ihrer Figuren. Lesend reise ich mit ihr durch die Zeit und lerne den dreijährigen Moritz kennen. Später erlebe ich ihn als Vierzehn-, als Siebzehn-, als Achtzehnjährigen und noch später, im Heute, als jenen Mann, der er schließlich geworden ist. Abwechselnd folge ich auch seiner Mutter Marie, der einzigen Ich-Erzählerin, durch ihre Jahre auf dem Berg und schließlich auch seiner Moritz’ erster Liebe Johanna.

Gekonnt verbindet die Autorin die Geschicke dieser Menschen, die das Schicksal zusammengeführt hat. Fallwickls Sprache ist dicht und bildreich, ohne dabei überladen zu wirken. Der eine oder andere österreichische Ausdruck erinnert mich immer wieder daran, wo die Geschichte spielt – obwohl sie es überall könnte.

Hier bekommt alles eine Gestalt, ein Gesicht und vor allem eine Farbe, denn Moritz ist schon von klein an synästhetisch begabt. Er sieht seine Umwelt anders als die meisten Menschen, er nimmt seine Umwelt in Farben wahr, sieht, wenn sich die Farben, die jeden Menschen umgeben, verändern. Am Ende erkennt er allerdings, dass ausgerechnet er, der mehr als andere sieht, vieles nicht gesehen, vieles übersehen, vieles nicht verstanden hat.

Alles hatte sich damals verändert, als er mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester Sophia als Dreijähriger von der Großstadt Wien in das kleine Bergdorf zog, während der Vater bis zum Ende seines Medizinstudiums in der Stadt blieb. Marie und Moritz, von Natur aus introvertiert und schüchtern, lernten auf dem Spielplatz Sabrina und deren Kinder Raffael und Samuel kennen. Raffael so alt wie Moritz, Samuel so alt wie Sophia. Scheinbar perfekte Voraussetzungen für eine Freundschaft zwischen Familien, zumal auch Sabrinas Mann durch häufige Abwesenheit glänzte. Raffael ernannte Moritz sofort zu seinem Freund. Subtil erzählt Fallwickl, wie es Raffael immer wieder mühelos gelingt, mit seinem Charme, seinen Worten und vor allem mit seine Lächeln und Grinsen die Menschen, die er brauchte, um den Finger zu wickeln.

Je älter die Kinder werden, desto spürbarer wird das Wesen dieser Manipulationen. Und umso gefährlicher und dramatischer ihre Folgen. Doch nicht einmal ein beinahe tödlich endender Unfall kann die Freundschaft der Buben auseinanderbringen. Als im letzten Schuljahr vor der Matura schließlich die verwaiste siebzehnjährige Johanna zu ihrer Tante ins Dorf zieht, wird alles noch komplizierter.

»Wenn du siebzehn bist, weißt du manchmal mehr als später mit fünfzig, und doch nützt dieses Wissen dir nichts, weil dir der Rahmen fehlt, weil du es nicht einspannen kannst in den Kontext der Erfahrung. […] Wenn du siebzehn bist, hast du manchmal mehr Wissen als mit fünfzig, und du durchschaust ein Gefüge, du siehst, wohin die Fäden führen, in denen andere sich verheddern, du springst hinein in eine Herausforderung, weil du so einen Hunger hast, so einen Hunger, etwas zu erleben […] Sie lächelt verstohlen. Das Spiel hatte begonnen.«

Moritz und seine Lebensgefährtin Kristin erwarten ihr erstes Kind. Eines Abends steht plötzlich Raffael vor Moritz’ und Kristins Tür. Für eine Nacht bittet er um Unterkunft – und bleibt wochenlang. Und das nach sechzehn kontaktlosen Jahren, in denen sich Moritz ohne den Freund, der eines Tages einfach verschwunden ist, sein eigenes Leben aufgebaut hat. Nach und nach setzen sich aus den Fäden der Vergangenheit lose Stücke zu einer Geschichte zusammen.

»Da steht er mit dem Wissen, das er plötzlich besitzt, das er nicht haben wollte, das ihm aufgedrängt wurde wie eine falsch zugestellte Lieferung. Altlasten. Seelenmüll. Traurig ist er und wütend, in erster Linie müde. Es ist nach vier Uhr morgens, die Zeit, die ihm in der Nacht noch zum Schlafen bleibt, reicht nicht einmal für einen einzigen Traum.« Schier unerträglich, was er alles in dieser Nacht erfahren hat. Von falsch verstandener Rücksicht, von Verrat und Grenzüberschreitungen, von Besessenheit, Verzweiflung und Sehnsucht. Doch da ist auch seine Liebe zu Kristin und dem neuen Menschlein. Und über allem die Kraft der Vergebung.

Glaubwürdig und nachvollziehbar erzählt Fallwickl diese Geschichte über Freundschaft und Verrat. Ein Buch, das sich zu lesen lohnt. Auch wenn es oft wehtut.


Frankfurter Verlagsanstalt FVA
Etwa 480 Seiten
Schön gebunden
Farbiges Vorsatzpapier
Ca. € 24,– (D)
ISBN 978-3-627-00248-0
FVA