Schockfrost von Mitra Devi und Petra Ivanov | Buchbesprechung

Die Londoner Psychiaterin Frieda Klein, erschaffen vom Autorenpaar Nicci French, hat jetzt eine Schweizer Kollegin. Sarah Marten. Wie Frieda behandelt Sarah ihre PatientInnen in der eigenen Praxis und erarbeitet daneben Gutachten für die Behörden. Ebenfalls wie Frieda hat auch Sarah diesen einen Klienten, der sie vor der Welt beschützen will. Doch hier hören die Ähnlichkeiten auch schon auf, denn Sarahs neuer Klient leidet immer wieder an paranoiden Psychosen. Seine Ängste richten sich auf ein manipulatives Netzwerk, das – wie wir im Laufe der Geschichte erfahren werden – nicht nur aus der Luft gegriffene Grundlagen hat.

Stilisierte Eisstücke, darauf Buchtitel und Autorinnennamen

Zusammen mit ihrem fünfzehnjährigen Sohn Dave lebt Sarah Marten am Stadtrand von Zürich. Ihren neuen Klienten verdankt sie Kaspar, ihrem Exmann, der an einer Klinik als Psychiater praktiziert. Über seine wahren Gründe für die Überweisung schweigt er sich allerdings aus.

Sarahs Welt gerät im Laufe der Geschichte immer mehr in Schieflage. Eines Tages stürzt sie von der Treppe, kurz darauf hat ihre mehrfachbehinderte Schwester Rebekka, die die Wochenenden jeweils bei Sarah, Dave und Till, Sarahs neuem Partner, verbringt, Prellungen, die sich niemand erklären kann. Dave benimmt sich merkwürdig und hat Bauchschmerzen, die sich niemand erklären kann. Hat das alles womöglich mit dem neuen Mieter ihres zweiten Praxisraums, einem Hypnotiseur, zu tun? Steckt vielleicht der neue Patient dahinter oder ist seine Angst, die er um sie hat, womöglich gerechtfertigt? Und wohin ist Dave verschwunden?

Sarah, eigentlich eine starke Persönlichkeit mit einem klaren Blick auf ihre Leben und ihre Aufgaben, beginnt, an ihren Wahrnehmungen zu zweifeln. Hin und wieder auch an ihrem Verstand. Sie sieht nicht mehr scharf und häufig hat sie Kopfweh. Dinge verschwinden, Notizen in ihrer Handschrift, an die sie sich nicht erinnern kann, tauchen auf, und Kaspar, Daves Vater, zweifelt an ihrer Urteilskraft. Immer wieder gerät das geschiedene Ärztepaar nämlich in Grundsatzfragen aneinander. Während Sarah klar dagegen ist, dass ein Mensch länger als absolut nötig fürsorgerisch untergebracht wird und auf den freien Willen jedes einzelnen Menschen pocht, auch wenn dieser Mensch psychisch angeschlagen ist, hält Kaspar dagegen, dass einen gefährdeten Menschen am Leben zu erhalten wichtiger sei als dessen freiem Willen nachzukommen. Zumal dieser freie Wille oft genug überschattet sei von dessen Krankheit. Damit spielt er auf einen alten Fall an, in welchem Sarah als Gutachterin für eine Klinikentlassung plädiert hatte. Eine in seinen Augen falsche Entscheidung mit dramatischen Folgen.

Das Autorinnenduo Mitra Devi und Petra Ivanov hat mit Schockfrost einen dichten und überzeugenden Psychothriller geschrieben, der mir von der ersten Seite an buchstäblich unter die Haut gegangen ist. Mit Sarah Marten haben sie eine sensible und dennoch toughe, glaubwürdige Figur geschaffen, die ich von der ersten Seite an ins Herz geschlossen habe. »Abgründig, rasant und im Grenzbereich zwischen Normalität und Wahnsinn«, schreibt der Unionsverlag über sein neues Buch.

Ich hoffe, sie schreiben weiter, die beiden, denn ich will mehr von diesem Duo lesen. Bereits in früheren Kriminalromanen haben sie Verbindungen geknüpft. So liehen sie sich gegenseitig ihre Figuren aus, die sie in den Büchern der jeweils anderen Autorin auftreten ließen. Hauptschauplatz war bei beiden Autorinnen jeweils die Stadt Zürich.

Schockfrost ist eine ganz neue, ganz eigene und in sich abgeschlossene Geschichte. Mit einem unerwarteten Ende. So viel verrate ich, mehr nicht.

Selbst lesen – es lohnt sich.


Englische Broschur
€ 19.00, FR 26.00, €[A] 19.50
320 Seiten
ISBN 978-3-293-00523-5