Sommernachtstod von Anders de la Motte | Buchbesprechung

Fast kann ich die Dunkelheit fallen sehen und diesen Sommerabend riechen, diesen Abend vor vielen Jahren. Diesen Abend, an dem alles begann. Nach diesem Sommerabend, an dem der fünfjährige Billy verschwand, würde die Welt für viele Menschen für immer eine andere sein.
Titelbild zeigt rechts unten den stilisierten Dachfirst eines falunrot gestrichenen Hauses, links im Bild die Schatten von laublosen Ästen. Ganz oben mittig der Autorname in roter, darunter, größer, der Buchtitel in blauer Schrift.
Viele Jahre später. Billys Schwester Veronika – obwohl professionelle Trauertherapeutin – hat den Suizid ihrer Mutter, die nach dem Verschwinden ihres jüngsten Sohnes Billy des Lebens nicht mehr froh werden konnte, noch immer nicht verarbeitet. Nach einem Zusammenbruch hat sie einen neuen beruflichen Anfang gewagt und am Rande Stockholms einige neue Therapiegruppen von Ruud, einem älteren Therapeuten, übernommen. Ihre Heimat, Schonen, hat sie längst verlassen und auch den Kontakt zu ihrem Vater hält sie auf Sparflamme. Selbst mit ihrem älteren Bruder Mattias, der nach den Vorfällen um Billys Verschwinden damals, Polizist geworden ist, hat sie nur noch wenig Kontakt, zumal er nach der Ausbildung wieder zurück nach Schonen gezogen ist.

Dennoch ist er es, dem sie sich anvertraut, als in einer ihrer Gruppen eines Tages ein junger Mann, der sich Isak nennt, auftaucht, und sich als ehemaliger Spielgefährte Billys darstellt. Die Begegnungen mit ihm bringen Veronikas mühsam wieder gefundenes Gleichgewicht ins Wanken. Sie versucht, sich mit Alkohol zu entspannen, doch als sich die Situation zuspitzt, sieht Ruud sich gezwungen, Veronika vorläufig zu suspendieren.

Diese nutzt die Krankschreibung ihres Therapeuten für einen Besuch in Schonen, um all die Puzzleteile, die in der letzten Zeit aufgetaucht sind, zusammenzusetzen. Ihr Vater freut sich über das Wiedersehen nach fünf langen Jahren, doch schon bald findet Veronika Dinge heraus, die sie lieber nicht gewusst hätte. Dennoch kann sie jetzt nicht aufhören weiterzuforschen. In ihrer Verzweiflung über die unerwarteten Widerstände bei ihrer Spurensuche wendet sie sich an den Polizisten Månsson, der damals die Ermittlungen um Billys Verschwinden geleitet hat. Dieser hat sich nach dem ungelösten Fall versetzen und umschulen lassen. Trotzdem findet Veronika in ihm einen kompetenten und mutigen Mitkämpfer.

Und schließlich ist alles anders, als es schien. Was Veronika und Månsson herausfinden, ist schließlich so erschütternd und schmerzhaft, dass sie es kaum glauben können.

Obwohl schier unerträglich, konnte ich dieses Buch kaum aus der Hand legen. Anders de la Motte, ein schwedischer Autor, den ich bisher nicht kannte, erzählt hier die Geschichte einer Familie und zugleich von einer Gesellschaft, die bis zuletzt den Schein wahrt. Sein Kriminalroman liest sich wie eine Reise in die menschlichen Abgründe.


Droemer TB
Klappenbroschur und eBook
432 Seiten
ISBN eBook: 978-3-426-45044-4; D: 12,99 €
ISBN Print: 978-3-426-30624-6; D: 14,99
Erschienen am 02.05.2018