Wolfswut von Andreas Gößling | Buchbesprechung

Der Regen prasselt aufs Autodach. Es ist bereits herbstlich kühl, als Lotte Soltau auf ein abgelegenes Berliner Areal mit ein paar leerstehenden, alten Lagerhallen einbiegt. Mit einem unbekannten Schlüssel in der Tasche will Lotte herauszufinden, was ihr Vater, der vor etwas mehr als einer Woche an Krebs gestorben ist, an diesem gottverlassenen Ort verloren hatte. Ihr Vater, den sie so sehr geliebt hat und der für sie immer wie ein sicherer Hafen war. Ob er hier mit seiner Band geprobt hat? In der abgeschlossenen und mit Betonwänden gesicherten Halle stehen Fässer, die merkwürdig riechen. Lotte will es wissen und öffnet das erste. Mit in Formalin eingelegte Leichenteilen hat sie nicht gerechnet.

Das Buchcover zeigt einen rot eingefärbten Gesichtsausschnitt. Wir sehen schwarz gefärbt das rechte Auge respektive Brauen und Wimpern eines weiblichen Gesichts. Auch die Schrift ist schwarz. In schwarz zu lesen sind Name des Autors und des Buches sowie der Untertitel True-Crime-Thriller. Ganz zuunterst steht Knaur-Verlag. Das Auge sieht wie mit einer Nadel immer wieder weiß durchgestrichen aus.

Buchcover Wolfswut

Als Kira Hallstein, Kriminalhauptkommissarin beim LKA, und ihr Kollege Max Lohmeyer auf dem Gelände eintreffen, ist die Spurensicherung bereits zugange und ihre Zeugin wartet sichtlich schockiert auf ein Gespräch mit der Ermittlerin. Dass ihr Vater etwas von diesen Leichen gewusst haben könnte, streitet Lotte ab, doch Max, der sich die Halle, die von innen nicht zu öffnen ist, näher betrachtet, kommen ihm große Zweifel daran. Wer anders als der Hallenmieter könnte diese Fässer hier eingelagert haben? War Papa Soltau doch nicht so integer wie alle beteuern?

Bald findet das Ermittlerteam heraus, dass die Leichenteile von Frauen stammen, die über einen längeren Zeitraum verschwunden sind. Diese Teile lassen sich früher in abgelegenen Waldstücken gefundenen Leichen zuordnen, die allerdings von wilden Tieren so zugerichtet worden waren, dass ein Fehlen von Leichenteilen nicht weiter aufgefallen war. Die Verstümmlungen müssen, so ergeben es die rechtsmedizinische Untersuchungen, den Frauen bei lebendigem Leib zugefügt worden sein. Alle Frauen kannten kaum jemanden, der vermisst hätte.  Diese alte Fälle müssen neu aufgerollt gewerden, da die Frauen damals als Drogentote statt als Morde behandelt worden waren. Auf den Straßenstrichen Berlins finden die Ermittelnden schließlich erste Antworten, doch diese werfen immer neuen Fragen auf.

Hat Soltau ein Doppelleben geführt? Über die Details der Morde wurde akribisch Buch geführt. Da ist von animalischer Wut die Rede, von Missbrauch, von Übergriffen. Dass der Täter allein gemordet hat, glaubt Kira, genannt Hallstein, nicht. Auch ihr Ermittlungspartner Max – ein Bayer, den es in die Hauptstadt verschlagen hat –, zweifelt daran. Der Polizeipsychologe erklärt jedoch, dass Soltau unter einer Persönlichkeitsspaltung, dem Jekyll-&-Hyde-Syndrom, gelitten habe.

Als ein weiterer Mord geschieht, diesmal an einem sechzehnjährigen Jungen, wird den beiden klar, dass es sich hier um eine zweite Mordserie handeln muss, denn eine ähnlich zugerichtete Jungenleiche findet sich ebenfalls in den Archiven. Die gleiche Handschrift wie bei den Frauenmorden, doch eine anderes, ein zweites Beuteschema: Schlanke, blonde Jungen. Doch Hallsteins Vorgesetzte, Franka Fundlandt, will von einer zweiten Mordserie nichts wissen. Auch will sie die alten und neuen Leichenfunde nicht zueinander in Verbindung bringen. Max und Hallstein lassen sich dennoch nicht von ihrer Suche nach dem zweiten Täter abbringen. Die jungen Männer erinnern Hallstein an ihren Bruder, der vor zwanzig Jahren spurlos verschwunden ist. Sie gibt sich die Schuld an dessen Schicksal und trägt zusammen mit ihrem besten Freund Matthes, ehemals Tobias’ bestem Freund, noch immmer Dauertrauer. Nicht zuletzt darum ist Hallstein geradezu besessen davon, diesen komplexen Fall aufzuklären. Ihr aktueller Lover Niels, forensischer Psychiater und Anthropologe, kann ihr mit seiner Sicht der Dinge den einen oder anderen wertvollen Hinweis geben, doch es ist vor allem Max, dessen Loyalität und Gespür Hallstein schließlich helfen, die Zusammehänge zu verstehen.

Max, dieser sensible Ermittler mit einem unglaublich breiten Wissen, saugt alles, was er erlebt, wie ein Schwamm auf. Er sei ein wandelndes Lexikon nutzlosen Wissens, sagt er zu Hallstein. »Wenn ich mit jemandem wie Tuchalsky zu tun habe, bin ich selber schwul, ein sadistischer Folterer. […] Wenn ich mit jemandem wie Dunja spreche, bin ich selber ein kaputtes Mädchen, das verdroschen und vergewaltigt wird. […] Das fühlt sich beschissen an. […] Ich kann es nicht erklären. Es ist wie eine Überschwemmung. […] Aber ich will mich nicht abgrenzen, sonst fühle ich mich ein toter Baum. Ich lasse mich von anderen quasi überfluten, versteht du? Ich sehe mit ihren Augen, denke wie sie, fühle wie sie. Und dann gehe ich weiter.«

Als schließlich ein weiterer Junge verschwindet, rennt Hallstein und Max die Zeit davon. Die Unterstützung von oben ist gestrichen. Sie müssen auf eigene Faust Entscheidungen treffen.

»Wenn du dich immer verstellen musst, hörst du auf zu existieren, und zwar ziemlich schnell!«, sagt derweil der zweite Täter zu seinem jüngsten Opfer. »Dann bist du nur noch ein Geist, ein Dämon. Aber kein wirklicher Mensch. Verstehst du, Kleiner?«

Andreas Gößlings Roman basiert auf wahren Begebenheiten und hat mich schon auf den ersten Seiten gepackt. Gößlings Figuren überzeugen; die Hauptfiguren ebenso wie jene, die unterwegs, am Rand, auftauchen. Gößling sieht genau hin und räumt den Zwischentönen viel Raum ein.

Die Morde an sich und die Untersuchung der Tathergänge waren für meinen Geschmack sehr schwer verdaulich – so viele Details hätte ich nicht gebraucht. Wie immer richtete ich jedoch meinen Fokus beim Lesen vor allem auf die Entwicklung der Figuren, auf die menschlichen Zwischentöne. Und die waren es definitiv wert, diesen doch recht heftigen Thriller zu lesen.


Knaur Taschenbuch Nr. 52132
True Crime Thriller. Klappenbroschur, Originalausgabe.
ca. 14.99 Euro (D) | eBook 9.99 Euro (D)
ca. 400 S.
ISBN: 978-3-426-44462-7
Knaur