Am Ende aller Meere

Roman | Arbeitstitel

Der Titel dieses im Winter 2006 entstandenen Romanmanuskripts spielt auf die Grenzen unserer Vorstellungskraft an. Und auf Grenzen im allgemeinen. Die einen überschreiten mutig eigene, die andern unbedacht die der anderen. Schaden und Nutzen, Freude und Leid, Übermut und Weisheit treffen aufeinander. Wo fangen sie an, unsere Geschichten, und wo hören sie auf?
Während die junge Moana versucht, mit der Entdeckung eines verübten Unrechts umzugehen, wagt es ihre Mutter Olivia, sich auf ihre eigenen Bedürfnisse rückzubesinnen. Ihre Freundin Rona schaut ihren Ängsten in die Augen und öffnet sich für die Veränderungen in ihrem Leben und auch Ralf und Marius wagen neue Wege. Die weise Nonna erzählt uns ihre Geschichte über die eigenen Grenzen und den Respekt vor denen der anderen. Eine Geschichte über das Wagnis, zu leben und über das Risiko, zu lieben. Eine Geschichte auch über die Freundschaft und letztlich über den Mut, sich selber treu zu sein. Eine kleine, unspektakuläre Geschichte, die Mut macht, dem Leben immer wieder eine neue Chance zu geben.

Textprobe

Die Finger liegen auf den Tasten in Bereitschaft, gespannt auf die Buchstabenkombinationen, die sie tippen sollen. Da ist Schmerz, ja, doch Rona hat Lust darauf, gegen diesen Strom anzuschwimmen. Gegen diese Sog aus Angst, der sie mit sich in die Tiefe reißen will. Doch dabei will sie nicht ertrinken, sich erinnern will sie. Etwas in ihr schnappt nach frischer Luft. Geöffnetes Fenster nach innen. So viele Ideen und Gefühle sind in ihr. Sie will sie befreien und in die Tasten fließen lassen. Schreiben. Doch wo anfangen und wie? Mit welchen Buchstaben? Einer Komponistin gleich, versucht sie den Klängen in ihr, und den schiefen Tönen, zu einer Melodie zu verhelfen. Sie will finden. Ihr Lied. Lässt Gedanken los. Durch Raum und Zeit gleiten. Lässt Vergangenheit Gegenwart berühren, sachte nur. Zukunft flüstert. Unverständlich noch. Alles verdichtet sich zu einem einzigen Punkt in ihrer Mitte. Ist Ursprung. Ist Zeitlosigkeit. Rona begreift, dass da nichts Neues ist. Alles uralt, und doch soll auch Wiederholtes neu gefühlt werden. Erinnert und vertraut. […]

Das Leben. Ein Gewebe. Ein Netz. Die Buchstaben – darin gefangen. Möchten möglicherweise in Ruhe gelassen werden. Allein sein. Sie haben sich jedoch in ihrem Netz verfangen, Schmetterlingen gleich. Sind dennoch frei. Gefallen sich am besten als wilde Geschöpfe. Jetzt sind sie da. Zu Besuch. In Ronas Kopf. Im Bauch. In den Fingerspitzen. Irgendwo. Überall. Zwar willig, aber nur vorübergehend. Und ungezähmt. Rona wird sie wieder freigeben. Doch nun will sie sie zusammensetzen. Für Augenblicke nur – ätherische Besucher – um sie dann wieder fliegen zu lassen.

Was tun wir euch an, ihr Buchstaben? Wir missbrauchen euch zu unseren Zwecken, blasen euch auf, bannen euch auf Papier, lassen euch die verrücktesten Versprechungen tun, die keiner halten kann! Und dennoch seid ihr frei. Freiheit wofür und wovon? Niemandem was schuldig sein?

Manchmal möchte ich auch so frei sein wie ihr, mich immer wieder neu zeigen und definieren dürfen, kommen und gehen, wie es mir beliebt und einfach frei sein von all dem menschlichen Ballast um mich herum.

Rona erschrickt über ihre eigenen Gedanken. Sie weiß doch, dass es ebendiese menschlichen Beziehungen sind, die ihr Leben sinnvoll und kostbar machen. Doch jetzt, genau jetzt, will sie einfach nur ihre Ruhe. […]

Sie schaltet ihren Laptop auf Stand-by und merkt, dass sie nicht schreiben muss. Sie kann jetzt nicht und sie will jetzt auch nicht. Sie will jetzt auch nicht lesen, nicht telefonieren und auch sonst nicht kommunizieren, sie will gar nichts.

Aber sie muss. Und zwar aufs Klo. Im Bad bleibt sie lange stehen und betrachtet die Frau im Spiegel vor ihr.

Wer bin ich? Woher komme ich? Wo gehöre ich wirklich hin?“ Ihre Eltern sind vor vierzig Jahren aus Italien eingewandert und vor zehn Jahren wieder zurückgewandert. Sie fanden sich nie ganz zurecht und fühlten sich hier heimatlos. Rona kennt dieses Gefühl gut.

Wo gehöre ich hin?“, flüstert sie ihrem Spiegelbild zu. Sie betrachtet sich eingehend. Die Haare wie in Tinte getaucht. Rona trägt sie heute zu einem schlichten Pferdeschwanz gebunden. Gefallen muss sie heute niemandem. Ausser sich selber. Doch nein, auch das muss sie nicht. Überhaupt nichts muss sie. Heute nicht. Sie darf sich auch mal nicht gefallen. Sie macht Grimassen und streckt sich die Zunge heraus. Dabei funkeln ihre fast schwarzen Augen wild und wirken nahezu grünlich.

Ich bin ein Chamäleon“, flüstert sie. Kein neuer Gedanke.

Leise Tränen schleichen sich aus ihren Augenwinkeln. Sie stellt fest, dass sie lebensmüde ist.

Die Geheimnisse der Welt ergeben sich nur demjenigen, der bereit ist, sich von ihnen verwandeln zu lassen“, sagt Michael Ende. Und steht mit schwarzem Kajal auf der Spiegelschranktüre geschrieben.

Schließlich geht sie wieder ins Wohnzimmer und startet den Laptop doch wieder auf. Ein Schwarm von Buchstaben hat sich zusammengetan, wie Schwalben, und umkreist sie, formiert sich für seinen großen Flug. Einzelne Buchstaben tanzen ihr auf der Nase herum. Ronas Finger finden die richtigen Tasten von alleine.

auf dem dünnen eis
der illusion von sicherheit
geht die farbe
die mich beschützt hat
verloren
schwarzweiß
geworden
breche ich ein
zu wenig kalt

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© by Denise Maurer

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