Das Licht ist hier viel heller von Mareike Fallwickl | Buchbesprechung

Neben brisanten Themen, ambivalenten Charakteren mit Tiefenschärfe und einem trotz relativ wenig Handlung tragenden Plot, finde ich in Mareike Fallwickls neuem Roman vor allem dies: Den gnadenlosen, rasierklingenscharfen, oft sehr schmerzhaft klaren Blick einer jungen Frau auf unsere Gesellschaft.

Buchtitel in großen, die ganze Vorderseite füllenden, aus dem silbergrauen Cover ausgeschnittenen Großbuchstaben. Hinter dem Cover ist die Andeutung von Licht und gebrochenem Glas sichtbar. Oben klein in Dunkelgrau der Autorinname, unten rechts der Verlagsname.
Buchcover

Und nein, diese Gesellschaft kommt nicht gut weg. Mit Kapitel 10 fängt Fallwickl ihre Geschichte an. Nicht, dass sie rückwärts erzählen würde, eher gleicht diese Rückwärtsnummerierung einem Countdown. Die rückwärtsnummerierten Kapitel erzählen aus dem Alltag des ehemaligen Bestsellerautors Maximilian Wenger. Ich begegne ihm als frischgetrennten Teilzeitvater zweier Teenager, als selbstverliebten Frauenheld, als lamoryanten Säufer und – als wäre das noch nicht genug, auch als Plagiator. Meistens denkt und verhält er sich wie ein Arschloch – ganz besonders seinen zwei Kindern gegenüber. Ihm fehlt ist die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Davon hat dafür seine Tochter Zoey mehr als genug. Zoey, die im Lauf des Sommers volljährig wird. Zoey, die es nicht mag, angefasst zu werden. Zoey, die eigentlich Chloé heißt, aber sich mit diesem Namen nie identifizieren konnte. Zoey, deren Kapitel mit Hashtags, wie sie ihre Freundinnen auf Instagram verwenden, übertitelt sind. Auch ihr sechzehnjähriger Bruder Spin, eigentlich ja auf den Namen Finnegan getauft, ist schon früh seinem Namen entschlüpft. Zoey erzählt in Ich-Perspektive aus ihrem Leben als Noch-Siebzehnjährige. Verliebt in Jonathan ist sie aber mit Stefan zusamme. Ihr Plan, damit Jonathan eifersüchtig zu machen, ist nicht aufgegangen.

Immerhin gibt es da noch Barbara, die Zugehfrau, die Kinderfrau, da doch Wenger und seine Frau mit ihren beiden anspruchsvollen Berufen so gar keine Zeit für Kinder gehabt hatten.

»Ich umarme sie. Barbara riecht immer gleich. Sie benutzt keine trendigen Duschgels, die nach Zitrone-Kokos oder Bratapfel duften, sie hat etwas Verlässliches. Barbara ist der unsichtbare Faden, mit dem in unserer Familie die Wunden vernäht werden.« (Seite 181)

Zoey entdeckt eines Tages in der Wohnung ihres Vaters Briefe. Briefe, die nicht an ihn adressiert sind. Sie fotografiert sie, weil sie von ihrem Inhalt ebenso berührt wie erschüttert ist. Die Briefe werden als dritte Erzählperspektive kursiv in die Geschichte eingefügt. So wenig Text sie letztlich enthalten, so wichtig sind sie für die Geschichte. Geschrieben hat die Briefe Marlen. Marlena. Auch sie hat sich ihren Namen neu zusammengeflickt.

»Sie sind brutal und zart, erschütternd und inspirierend. Wer ist die geheimnisvolle Fremde, die von flüchtigem Glück, Verletzungen und enttäuschter Hoffnung erzählt?«, fasst der Klappentext diese Briefe sehr zutreffend zusammen.

Marlenas Lebensumstände haben dazu geführt, dass sie an einem neuen Ort – in San Remo – ganz von vorn anfangen musste. Warum das so war, erfahren wir im Laufe der Geschichte und auch, warum sie diese Briefe schreibt, die nicht für Wenger bestimmt sind, sondern für seinen Vormieter, mit dem sie früher eine Liebesbeziehung gehabt hatte. Weil Wenger nach den literarischen Bauchlandungen der letzten Jahre möglichst unsichtbar sein will, hat er seinen Briefkasten nicht neu angeschrieben und bekommt darum zu seiner auch die Post seines Vormieters.

»Ich wusste, man nannte es victim blaming«, schreibt Marlena etwa, »aber es nützt dir einen Scheiß, dass du den Namen dafür kennst, denn wenn sie es mit dir machen, fühlst du dich, als hätten sie dir Benzin ins Herz gegossen und ein Streichholz hinterhergeworfen.« Im September schreibt sie über die am eigenen Leib erlebte Gewalt: »Ich glaube, der Grund war Gier, aber auch Lust am Spiel, die Geilheit der Macht.«

Ich blicke als Leserin in den Alltag einer jungen Frau, die von allem Materiellen genug hat. Und obendrauf  eine Mutter, die als Influencerin im Gesundheitssegment Karriere macht und sich einen jungen sportlichen Mann ins Bett geholt hat. Ich sehe den Alltag einer jungen Frau, Zoey, die sich danach sehnt, so sein zu dürfen, wie sie ist. Fotografieren, hinschauen, beobachten, Zusammenhänge erkennen sind ihre große Gabe, doch von Seiten ihrer Eltern bekommt sie keine Unterstützung. Wenger rät ihr zu einem Jurastudium – bloß nichts mit Kunst! – und Mutter Patricia aka Trixie will sie gar in ihr florierendes Geschäft einbinden. Heimlich arbeitet sie in Freds Fotoladen, um sich zum einen das Geld für eine echte Hasselblad zu verdienen (obwohl sie einfach ihre Eltern, die reich genug dafür wären, darum bitten könnte), zum anderen, weil sie sich in der Dunkelkammer das Bilderentwickeln beibringen will.

»Ich will nicht nachhause fahren, weil dort noch die alten Tränen in meinem Bett gesammelt sind, und jetzt ist die Wut bei mir.«

Rote Fäden sind wie schon in Fallwickls erstem Roman, die persönlichen Grenzen der einzelnen Menschen, die immer mal wieder überschritten werden – von ihnen selbst und von andern. Als junge Frau ist Zoey herausgefordert, ihren eigenen Weg zu finden. Sie identifiziert sich wenig mit dem Zeitgeist der Selbstoptimierung, dem Perfektionismuswahnsinn und Körperkult, dem ihre Mutter frönt und auch die Welt des Buchmarketings, in welche ihr Vater nach einer Schreibblockade wieder eintaucht, weil er sich schamlos an fremden Texten bedient, ist ihr fremd. All die Oberflächlichkeit, all das Geschwafel und Geschmäh ihres Vaters, der zwischen Frankfurt, München, Salzburg und Hallein herumreist, ist ihr zuwider.

Zoey erlebt etwas, »das sich in diesen wütenden Worten spiegelt. Beide, Vater und Tochter, werden an einen Scheideweg geführt, an dem etwas Altes endet und etwas Neues beginnt.« (Klappentext).

Fallwickl schreibt klug und einfühlsam, humorvoll und gründlich. Sie wechselt die Erzählstimmen souverän und spricht mit ihrer Sprache meine Sinne an. Ich mag ihre kleinen und größeren Bilder, wie etwa die ganz und gar nicht und doch so metaphorischen Asseln im Keller der Wenger-Villa, in der Mama Trixie ihren vierzigsten Geburtstag feiert und sich die halbwüchsigen Geschwister vor dem Fest mit einem Joint gegen den Festakt wappnen. Fallwickl erzählt, wie Beziehung gelingen kann und wie sie scheitert, sie schreibt von Freundschaft und Liebe und davon, was sie nicht ist. Sein und Schein sind Aufhänger und Brücke zu unterschiedlichen Formen von Missbrauch und Grenzüberschreitungen aller Art. Der rote Faden unter und in allem ist jedoch die weibliche Selbstbestimmung. Die eben mehr ist als ein Lippenbekenntnis, wie es Wenger an der Buchmesse vor laufender Kamera ablegt.

»Nichts davon kann man loslassen, es ist gespeichert in jeder Zelle, in jdem Stein, der diese Wand trägt. […] Es spielt keine -rolle, wie ich mich verhalte und wo ich bin. Es spielt auch keine Rolle, ob ich die wiedersehe. […] Es macht keinen Unterschied, das Hadern nicht, das Zurückschauen nicht, die Wut nicht und der Hass. Es ist alles schon geschehen, nicht davon ist änderbar. Seit ich das verstanden haben, bin ich frei.«

So resümmiert Marlena, bevor sie San Remo wieder verlässt, in ihrem letzten Brief an Wengers Vormieter.

Kurz: Fallmwickl hat mich erneut von der ersten bis zur letzten Seite nachhaltig beeindruckt.

Ich bedanke mich herzlich bei der Frankfurter Verlagsanstalt und der Autorin für die berührenden und aufwühlenden Lesestunden, die sie mir mit dem Rezensionsexemplar geschenkt haben.


Frankfurter Verlagsanstalt FVA
384 Seiten
Hardcover, Schutzumschlag mit Metallic-Lack/5c
Ca. € 24,– (Print, D), € 15,99 (eBook, D)
ISBN 978-3-627-00264-0 (Print), 978-3-620-2274-7 (eBook)
FVA