{"id":109,"date":"2014-12-18T16:13:49","date_gmt":"2014-12-18T15:13:49","guid":{"rendered":"http:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=109"},"modified":"2023-03-05T13:38:47","modified_gmt":"2023-03-05T11:38:47","slug":"schnittstelle","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=109","title":{"rendered":"Schnittstelle"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Bist du sicher, dass es geht? Nora nickte erneut und erwiderte die Abschiedsumarmung ihrer Freundin. Vom Balkon aus winkte sie Emma zu, bis sie sie nicht mehr sehen konnte. Warum gibt es im Leben keine L\u00f6schtaste?, fragte sie sich. Die letzten paar Wochen? Delete! Oder vielleicht gar die letzten vier Jahre?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Sie lie\u00df sich aufs Sofa fallen. Endlich allein. Allein mit einer vollgestopften Schuhschachtel auf dem Fussboden und einer Blumenvase auf dem Beistelltisch. Braun das Wasser, gelb die Blumen. Sie verschwendeten keinen Blick mehr zur untergehenden Sonne, deren Namen sie trugen. An gebeugten St\u00e4ngeln blickten ihre Bl\u00fcten zu Boden. Wie ich, dachte Nora und stand auf. Sie trug die Vase in die K\u00fcche, knickte die Stiele in der Mitte und stopfte die Pflanzen in den Abfall. Das Wasser floss eiliger als n\u00f6tig zum Abfluss. Als ob es nie da gewesen w\u00e4re.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Sie setzte sich wieder hin. Die Schachtel stand noch immer am Boden. Bis zum Rand gef\u00fcllt mit Karten. Alle f\u00fcr sie. Ob sie so viel Mitgef\u00fchl ertrug? Sie stand wieder auf, ging auf den Balkon. Das Paket auf dem Fenstersims war fast leer, die letzte Zigarette klemmte, wehrte sich vergeblich. Im Aschenbecher die Spuren der letzten Tage. Von Emma, Johanna, Ingrid, Tom, Theo. Auch vom einen der beiden Polizeibeamten, demjenigen, der keine Kinder hatte. Der andere war Nichtraucher.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Seit ich Vater geworden bin. Sie wissen &#8230; Ja, sie wusste.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Sie hatte auch aufgeh\u00f6rt. Damals. Und jetzt wieder angefangen. Logisch irgendwie.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Die Sonne versank rot hinter den Nachbarh\u00e4usern. Die Julihitze lie\u00df \u00fcber Nacht kaum merklich nach, dennoch fror Nora st\u00e4ndig. Sie trug sogar tags\u00fcber eine wollene Jacke.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Das Telefon klingelte. Wie froh sie war, einen gro\u00dfen Bruder wie Tom zu haben. Und eine Schw\u00e4gerin wie Patricia. Was h\u00e4tte sie ohne die beiden getan? Und ohne ihre Freunde und Freundinnen?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Nein, ich frage dich nicht, wie es dir geht!, sagte er gleich zu Anfang.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Danke, schlecht, und dir?, sagte Nora. Nein, den Humor hatte sie nicht verloren. Ein kleiner Schwimmring.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Als sie f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter wieder auf dem Sofa sa\u00df, wusste Nora nicht mehr, wor\u00fcber Tom und sie gesprochen hatten. Sie wusste nur, dass es ihr ein bisschen besser, ein bisschen weniger schlecht ging. Aufwandminderung, dachte sie.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Aufwand und Ertrag. W\u00fcrde sie \u00fcber Verluste und Schmerz Buch f\u00fchren, w\u00e4re sie zurzeit arg in den roten Zahlen. Trotz der unz\u00e4hligen Umarmungen der letzten Tage. Sie hatte begriffen, was f\u00fcr wunderbare Menschen sie kannte. Immerhin etwas Positives. Auch, dass ihre Eltern das alles nicht hatten miterleben m\u00fcssen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Sie stellte die Schachtel, die schwer auf ihren Oberschenkeln gewogen hatte, zur\u00fcck auf den Boden und stand wieder auf. Sie fischte im B\u00fcchergestell nach einem dicken Ordner.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Konnte sie &#8230; ? Wie gef\u00e4hrlich war das Betrachten eines Fotoalbums? Welche Gefahren drohten? \u00dcberschwemmung war die wohl wahrscheinlichste. Feuersbrunst, innere, die zweitgr\u00f6\u00dfte. Sterben w\u00fcrde sie daran nicht. Schade.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Auf der Titelseite LEO. In Gro\u00dfbuchstaben. Und das Geburtsdatum. Gleich auf der ersten Innenseite die Geburtsanzeige. Der Versuchung, das Album wieder zuzuklappen, widerstand sie. Da muss ich durch, sagte sie sich. Das erste Bild zeigte Leo und sie. Zerknittert und runzlig, rosa und feucht wie er war, in ein wei\u00dfes Tuch geh\u00fcllt, lag er an ihrer Brust. In ihrem tr\u00e4nennassen Gesicht waren neben Ersch\u00f6pfung auch Freude und Dankbarkeit zu lesen. Drei Jahre war es her. Weiterbl\u00e4ttern ging nicht. Die Seiten waren zu schwer. Ein Bild musste reichen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Jene Schmerzen, die zum ersten Gemeinschaftswerk von Mutter und Kind geh\u00f6ren, hatten einen Namen, der unmissverst\u00e4ndlich verdeutlichte, wie weh Geb\u00e4ren tat. Ob das Kind dabei ebenso leidet wie die Mutter?, fragte sich Nora jetzt. Immerhin verlie\u00df es sein warmes Nest. Wieder litt Nora Wehen, wieder presste sie ihr Kind in eine neue Daseinsform. Fern jeglicher Materie diesmal. Himmel, Paradies. Ewigkeit. Nirwana. Nichts. Alles. Ob die Risse dieser Geburt je zuwachsen w\u00fcrden?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Sie schloss das Album. Dass sie st\u00e4ndig weinte, war bereits normal. Was auch immer das hie\u00df. Waren das auch diese kleinen wei\u00dfen Pillen, die sie vor dem Zubettgehen einwarf?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">H\u00f6r doch mit dem Selbstmitleid auf, Nora. Es bringt nichts. Geh jetzt zu Bett!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Wann hatte sie angefangen, mit sich selber zu sprechen? War es in jenen Tagen gewesen, als Leo allein bei Sandro war? Wie ungewohnt war es doch gewesen, nach den Familienjahren pl\u00f6tzlich ganze Tage ohne ihre beiden M\u00e4nner zu sein. Wobei sie den Gro\u00dfen am liebsten auf den Mond geschickt h\u00e4tte. Ungewohnt und schwierig war es, wieder selber denken zu sollen, sich aus Sandros dominanter Pr\u00e4senz zu l\u00f6sen, eigene Entscheidungen zu treffen. Angefangen bei der Wahl des K\u00fchlschrankinhalts bis hin zum Auslesen der Zahnpastamarke.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Traurig blinzelte sie ihrem Spiegelbild zu, dem der Schaum um den Mund ein clowneskes Aussehen verlieh. Die Zahnb\u00fcrste schrubbte und die Erinnerungen drehten sich mehr und mehr im Kreis. Die Wirkung der Tablette setzte ein.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Der n\u00e4chste Morgen fand sie verkatert. Nein, nicht Kater. Anderes Chaos, an das sie sich nicht erinnern wollte. Sie sch\u00fcttelte sie erfolglos ab, die angebliche Wahrheit, die sich an ihr festklammerte. Die sie ungefragt umarmte und an ihrem Herzen rumschnipselte. Malte Schw\u00e4rze vor ihre Augen. Gn\u00e4diger Taumel zog sie zur\u00fcck \u00fcber die Br\u00fccke. Chemieseidank. Nicht erwachen. Keine Wahrheiten denken. Den roten Faden, im Stolpern gefunden, lie\u00df sie nicht mehr los. Hangelte sich zur\u00fcck. Gestern. Zur\u00fcck. Vorgestern. Noch weiter. Nun fand sie den Schalter, die schnelle R\u00fcckw\u00e4rts-Taste, und dr\u00fcckte zu.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Film ab. Szene eins: Freitagnachmittag vor zwei Wochen. Nora, die Wohnung putzend und sich auf ihren kleinen Sohn freuend, der bei Papa war. Morgen w\u00fcrde er zur\u00fcck nach Hause kommen. Szene zwei: Nora, Freitagmorgen, beim Fr\u00fchst\u00fcck. Danach beim Aufstehen und nachher am Abend vorher. Tage spulen an ihr vorbei. Und Wochen. Vorw\u00e4rts in die Vergangenheit. Immer schneller.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Unvermeidlich war sie gewesen, die Trennung. Zuvor endloser Beziehungshorror, g\u00e4rende Kompromisse, Eskalationen. Eine Beziehung wie andere, verkeilt in Sackgassen. Immer schneller l\u00f6sen sich die Filmsequenzen ab. Helle Farben nun. Kleine Weile heile Welt. Leo als Baby. Die ersten Worte. Die ersten Schritte. Das erste Lachen. Der erste Schrei. Die Geburt. Der dicke Bauch. Auf ihrer inneren Leinwand wohnte sie Leos Zeugung bei. Als Zuschauerin ebenso wie als Beteiligte. Nahm die damalige Leidenschaft wahr, sah Leos Vater und sich selbst beim ersten Mal. Beim ersten Kuss. In kr\u00e4ftigen Farben. Die erste Begegnung. Zeitlupe. Amors dorniger Pfeil hatte getroffen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Am roten Faden zog sie sich weiter zur\u00fcck. Mal spiralig, mal chronologisch. War da und dort. Oben, unten, innen, au\u00dfen. Menschen. Freundinnen. Andere M\u00e4nner. Geschwister. Mal vielfarbig, mal schwarzwei\u00df. Arbeitsstellen. Ausbildungsjahre. Abschlusspr\u00fcfungen. Schulstunden. Sie konnte sich auf dem Nachhauseweg von der Schule sehen, mit dem ersten Freund an der Hausecke. Der erste Kuss. Sah die Eltern, die sie tadelten, weil sie zu sp\u00e4t war. Egal! Sie war schlie\u00dflich kein Kind mehr! Doch nun \u2013 die n\u00e4chste Szene \u2013 war das Kind, das kein Kind mehr war, wieder Kind. Spielte im Wald. Kletterte auf B\u00e4ume. Fiel um. Stand auf. Sa\u00df auf dem Schoss des Vaters und las erste Buchstaben. Kritzelte Zeichnungen auf die Schiefertafel. Spielte mit Puppen und B\u00e4ren. Wurde von den \u00e4lteren Geschwistern geh\u00e4tschelt und getriezt, gekitzelt und gefoppt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Schlie\u00dflich hatte sie wieder in ihrer Wiege Platz und schl\u00fcpfte gleich darauf durch den Geburtskanal in die Geb\u00e4rmutter zur\u00fcck. Warm war es dort. Behaglich. Sie badete im All. Zuhause sein. Ruhe. Paradies? Sie war die kleine Explosion geworden, die Samen und Ei verzaubert und verwebt hatte, hie\u00df nun Zellteilung und Zelle zugleich. War alles. Nichts. Zuerst. Zuletzt. Alle M\u00f6glichkeiten. War die Antwort auf eine Frage, die sie nicht kannte. Urknall. Input und Output. Und deren Schnittstelle. Alles, was je war, ist und wird. Alles da.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Der rechte Fu\u00df war eingeschlafen und weckte sie auf. Ameisen unter der Decke. Sie setze sich zusammen. Das Mittel lie\u00df nach. Sie streckte das Bein. Es gehorchte. Antwortete mit einem Krampf. Fremdes Bein, das sie nun sch\u00fcttelte. Teil von ihr? Wie bei einem Rechner, der aufstartete, erschienen allm\u00e4hlich Programme. Ihre Software. Einzelteile. Erinnerungen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Wie die Kisten, die noch unausgepackt seit dem Umzug in der neuen Wohnung standen. Noch nicht lange war sie hier. Noch war nicht alles an seinem Ort. Was egal war, sie wollte doch blo\u00df zwei Wochen zur\u00fcck spulen! Ihren Sohn wollte sie. Lebendig.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">WUT. Sie durchbohrte ihre Rippen von innen nach au\u00dfen. Und das Herz quer zur Faser. Sie keuchte, bekam keine Luft mehr und sank ins Kissen. Wut wuchs, f\u00fcllte allen Raum. Innen und au\u00dfen. Tr\u00e4nen versuchten vergeblich, sie weichzusp\u00fclen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">BLANKE WUT. Zwei fremde, unbesetzte W\u00f6rter, in die sie sich verbiss, bis sie verblassten und verga\u00dfen, was sie waren. Wie Nora selber. Ein Klumpen, mitten im Bauch, erwachte, dehnte sich aus. Direkt hinter dem Nabel. Stie\u00df Glutwellen durch ihren K\u00f6rper. Bis zu den Zehenspitzen. Hitze, die ihre Haut von innen ver\u00e4tzte und ihren Magen verbrannte. Am ganzen K\u00f6rper Juckreiz. Wieso konnte sie nicht schreien? Sie hasste sich daf\u00fcr, dass sie Sandros Pl\u00e4ne nicht vorausgeahnt und verhindert hatte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Diesmal klemmte die R\u00fcckw\u00e4rts-Taste, reichte nur noch bis zu jenem Samstagabend vor zwei Wochen. Bis zum Anruf von der Polizei. Neben dem Telefontisch war sie zu Boden gerutscht. Mit dem R\u00fccken zur Wand. Den H\u00f6rer in der Hand. Irritierendes Tuten. Wie lange? Irgendwann w\u00e4hlte sie die Nummer ihrer Freundin Emma, die im gleichen Quartier wohnt. Die erste Speichertaste. Sp\u00e4ter riss der Film.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Jetzt. Ein neuer Tag. Morgen. Kater. Nein, nicht Kater. Trauer nannte sich das. Sie sind tot. Aus dem Leben gespickt. Wie sie gekommen sind. Nicht mehr. Nichts mehr. Alles. Wieder alles. Sie sch\u00fcttelte sich. Noch immer blieb die unerw\u00fcnschte Wahrheit kleben.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Den Vorhang, sie wollte ihn schlie\u00dfen. Solange er offen stand, dauerte die Vorstellung an. Fiel er zu, w\u00fcrde Leo von der B\u00fchne herunter mitten in ihre Arme fallen. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\"><i>Papa und ich haben tot gespielt, Mama.<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Nein, kein Vorhang fiel. Der kleine Sarg lag seit gestern unter der Erde. St\u00e4ndig waren Freundinnen und Freunde bei ihr ein- und ausgegangen. Emma hatte bis gestern bei ihr \u00fcbernachtet. Die beiden Ermittler der Polizei waren oft hier gewesen und hatten sich in der Tat als Freunde und Helfer gezeigt. Wie viele Stunden hatte sie mit den zwei M\u00e4nnern auf dem Balkon verbracht! Hatte mit ihnen rauchend, nicht f\u00fcrs Protokoll, \u00fcber Sandro gesprochen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Die Aussagen s\u00e4mtlicher bisher befragten Freunde und Angeh\u00f6rigen zielten alle in die gleiche Richtung: Sandros Sicherungen mussten durchgebrannt sein. Die psychische Labilit\u00e4t, die schon l\u00e4nger bekannt war, musste sich nach der Trennung vor zwei Monaten verdichtet, manifestiert haben. Kurzschluss. Erweiterter Suizid.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Nun nahm Leos Abwesenheit allen Raum ein. Da war nichts anderes mehr. Innenraum ohne Fenster. Leerer Raum. Leer bis auf die B\u00fcrde der Selbstvorw\u00fcrfe. Die ungekl\u00e4rte Frage nach der ausgebliebenen Vorahnung. Nach einer verpassten M\u00f6glichkeit, das Drama verhindern zu k\u00f6nnen. Eine bekannte Form von Trauer, hatte die Frau von der Opferberatung gemeint. Normal.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Trauern um Leo &#8211; es war ihre Hauptbesch\u00e4ftigung. Bis zur Trennung war sie Familienfrau gewesen, die Wochen danach auf Stellensuche. Sie bezog Erwerbslosenunterst\u00fctzung, doch jetzt an eine neue Arbeitsstelle zu denken, ging nicht. Ihre \u00c4rztin hatte sie deshalb krankgeschrieben. Wenn Nora vorw\u00e4rts schauen wollte, drehte sich alles im Kreis und sie taumelte. Karussell fahren war ihr noch nie gut bekommen. Sie hielt sich an die Leitplanken. Trauern f\u00fchlte sich wie Autofahren auf der Autobahn an. Meter f\u00fcr Meter bewegte sie sich vorw\u00e4rts. Ohne nach rechts oder nach links zu schauen, behielt sie die einmal gew\u00e4hlte Richtung bei. Wohin auch immer. Hauptsache weg. Weg vom Schmerz. Das Steuerrad auf Autopilot. Sie behielt ein stetiges Tempo bei, erlaubte sich kaum Pausen, gab ihrem Leben Form und Struktur. Wozu auch immer.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Alles kann man \u00fcben, sagte Nora. Du kannst lernen, den Kopfstand zu machen. Du kannst Muskeln trainieren. Sogar f\u00fcr die Trauerarbeit gibt es Unterst\u00fctzung. Und f\u00fcrs Abschied nehmen und Loslassen ebenfalls. Nur das Sterben bringt dir niemand bei. Da m\u00fcssen wir ganz alleine durch. Ingrid nickte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Nora zupfte das letzte Taschentuch aus der Schachtel und tupfte sich die Tr\u00e4nen weg. Ingrid legte ihr die Hand auf den Arm. Ihr Schweigen legte sich wie eine Umarmung um ihre Freundin und vermochte, mehr als jedes Taschentuch, Noras Tr\u00e4nen zu trocknen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Wei\u00dft du, ich bin gespannt, wie sich tot sein anf\u00fchlt. Und sterben. Manchmal beneide ich die Gestorbenen. Sie haben mir eine Erfahrung voraus.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Du wirst diese Erfahrung machen, glaub mir, doch jetzt ist dein Platz zum Gl\u00fcck noch hier. Ich bin froh, dass du da bist.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Als die Krokusse auf dem Friedhof dem Winter zu trotzen begannen, stellte Nora fest, dass sie wieder \u00dcberlandstra\u00dfen und Feldwege benutzte. Undeutlich waren ihre Erinnerungen an die letzten Monate, ungef\u00e4hr, unscharf die R\u00e4nder. Jener Schutzpanzer, den der Schock ihr angezogen hatte, war St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck von ihr abgebrochen. Mit jedem abfallenden Brocken war der Schmerz-See von Neuem \u00fcbergelaufen und hatte eine weitere Wehenwelle geschickt. Nach jeder einzelnen bluteten die aufgebrochenen Wunden zwar von Neuem, doch jedes Mal ein bisschen weniger. Trotzdem war es nicht die Zeit, die Wunden heilte, dachte Nora bisweilen. Es war die Art und Weise, was wir in dieser Zeit anfingen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Liebster Leo<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Dich zu vermissen, tut noch immer unbeschreiblich weh. Die Sehnsucht nach dir, nach deinem k\u00f6rperlichen Dasein, nach unserem Lachen und unseren Spielen, sie zerrei\u00dft mich beinahe. Wie oft bin ich auf der Br\u00fccke gestanden und habe voller Heimweh nach dir in den Fluss geschaut. Ob springen einfacher w\u00e4re?<br \/>\nDoch an dein Lachen und an deine Lebensfreude zu denken, gibt mir den Mut, hier zu bleiben. Ich ahne, dass du willst, dass es mir gut geht.<br \/>\nDanke, dass ich dich kennen lernen durfte!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Deine Mama Nora, die dich immer lieben wird.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">PS: Du hast gewusst, dass das Leben sch\u00f6n sein kann, nicht wahr?<br \/>\nPPS: Ich werde es ebenfalls wieder herausfinden &#8230;!\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p>++++++<\/p>\n<p>erschienen in: <strong>Knall auf Fall allein<\/strong> im Cenarius-Verlag, 2011<br \/>\nISBN: 3-94068019-2<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bist du sicher, dass es geht? Nora nickte erneut und erwiderte die Abschiedsumarmung ihrer Freundin. Vom Balkon aus winkte sie Emma zu, bis sie sie nicht mehr sehen konnte. Warum gibt es im Leben keine L\u00f6schtaste?, fragte sie sich. Die letzten paar Wochen? Delete! 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