{"id":111,"date":"2014-12-18T16:15:36","date_gmt":"2014-12-18T15:15:36","guid":{"rendered":"http:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=111"},"modified":"2023-03-05T13:38:47","modified_gmt":"2023-03-05T11:38:47","slug":"nachtschatten-wachsen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=111","title":{"rendered":"Nachtschatten wachsen"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\"><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich fummle lange, bis ich das Schl\u00fcsselloch treffe. Lasse mich ersch\u00f6pft auf einen K\u00fcchenstuhl fallen. Puh, mein Kumpel Erik! Wie erwartet, war er nicht mit leeren Taschen unterwegs. Ich habe nicht viel gekauft, kiffe nur noch selten. Christa soll blo\u00df nicht glauben, dass ich mich gehen lasse. Jedenfalls nicht wegen ihr. F\u00fcr sie hatte ich am Ende aufgeh\u00f6rt. Auch zuvor ein paar Mal.<\/span><\/span><\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Wie soll ich dir noch glauben, Dario?, hatte sie gefragt. Worauf soll ich noch vertrauen? Hast du mir je das Gegenteil bewiesen? All deine Versprechen? Keins hast du gehalten &#8230;<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Wie sollte ich auch, wenn sogar sie mir nicht zutraute, etwas ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen, mein Leben endlich in den Griff zu bekommen, positiver zu denken?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Nat\u00fcrlich hat sie es anders gemeint, ermutigend, doch woher, bittesch\u00f6n, soll ich den Mut nehmen, mich von einem Tag auf den anderen umzustellen, mir die Welt von heute auf morgen weniger feindselig oder gar freundlich vorzustellen? Wie soll ich auf einmal einen Platz f\u00fcr mich finden? Einen Platz, wo ich wei\u00df, dass es meiner ist. Der nicht dr\u00fcckt. Es ist wie mit guten Schuhen. Wie lange ich suchen muss, bis ich f\u00fcr meinen breiten Fu\u00df einen finde, der nicht weh tut, glaubt mir niemand. Ich habe genug von zu engen Latschen. Lange genug habe ich mir \u00fcberall Druckstellen eingefangen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Auf der Br\u00fccke haben sie mich aufgelesen. Damals. Mitten in der Nacht. Sie waren zu viert. Der Arzt kam kurz darauf. Sie redeten mir beruhigend zu. Es werde alles gut. Ha! Heute bedaure ich, dass ich nicht gesprungen bin. Gewehrt habe ich mich nicht. Damit habe ich erst sp\u00e4ter angefangen, zu Hause. Bei Christa. Sp\u00e4t. Zu sp\u00e4t.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich kr\u00fcmle den Tabak, der neben der Schale gelandet ist, mit den feuchten Fingerspitzen zusammen und gebe ihn zum Rest der zerbr\u00f6selten Zigarette. Erik hatte zwar kein Gras, aber Eins-a-Hasch, wie er sagte. Indoor, das ich normalerweise meide. Doch heute ist mir alles egal. Ich brauche nur wenig, das Zeug ist stark. Mit dem Feuerzeug schmelze ich den harten Brocken an, sodass ich ein wenig abbr\u00f6seln und mit dem Tabak vermischen kann. Ich sp\u00fcre, wie sich Lust auf den Joint aufbaut. Nein, nicht Lust, Gier. Gier danach, mich anders zu f\u00fchlen. Nicht mehr diesen ganze Schrott zu denken, den ich ohne dieses Zeug hier nicht aus dem Kopf bekomme. Beziehungsschrott zum Beispiel. Immer wieder Christa.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich habe sie heute gesehen. In der Stadt. Mindestens f\u00fcnfmal. Kurz hintereinander an ganz verschiedenen Orten. Jedes Mal trug sie eine andere Jacke. Jedes Mal lachte sie. \u00dcber mich, sobald sie mich bemerkte. Alle glotzten mich deshalb an. Ich wandte mich ab. Ihre Haare trug sie dunkelbraun. Nur ein einziges Mal waren sie hennarot wie fr\u00fcher. Dazu trug sie eine rote Jacke. Irgendwo in der Altstadt war das.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Mein Mund ist trocken, das Bier lauwarm. Von einem alten Busticket rei\u00dfe ich mir einen Streifen ab, rolle daraus einen Filter und stecke ihn mir schon mal zwischen die Lippen. Die Aussicht auf den Joint flasht. Macht mich zapplig.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Easy Mann, hat Erik gesagt, heute Abend, als er im Zeitlupentempo den Test-Joint baute. Es sei schon mal einer beim Bauen gestorben, habe ich gemotzt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Irgendwie schaffe ich es endlich, die Mischung auf das gefaltete Papierchen zu streuen, den Filter zu montieren und die T\u00fcte zuzukleben. Endlich. Der erste Zug schmeckt einfach nur s\u00fc\u00df. Und bitter. Weich. Z\u00e4rtlich, wie eine Umarmung.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Christa hat es gehasst, wenn ich drinnen rauchte. Wir einigten uns auf den Dunstabzug \u00fcber dem Herd, wenn es drau\u00dfen zu kalt war. Doch die K\u00fcchent\u00fcr musste dabei geschlossen sein.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Hier spielt sowas keine Rolle. Diese Bude ist sowieso sanierungsbed\u00fcrftig. Und Christa ist nicht da. Oder doch? Ihr Gesicht erscheint neben mir. Als Dia auf der wei\u00dfen Wohnzimmerwand. Ich muss lachen, kann kaum mehr aufh\u00f6ren. Ihre Stirn hat sie gerunzelt. Ich strecke ihr die Zunge raus. Mir egal, h\u00f6rst du, Christa! Mir egal, wie du guckst, was du machst, denkst, tust, mit wem du rumv\u00f6gelst und wie es dir geht. Und ob du in der Stadt \u00fcber mich lachst und auf mich zeigst. Ob du mich angaffst oder nicht.<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Lass mich endlich in Ruhe!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Das Bier schmeckt eklig. Der Rauch meiner T\u00fcte brennt in den Augen. Christa ist weg. Das Fenster kommt n\u00e4her. Das Licht meiner Deckenlampe wirft einen Heiligenschein \u00fcber mein Gesicht, das sich im Glas spiegelt. Ich glotze mich an. Das bin doch nicht ich. Glotz nicht so. Guck weg. Es geht nicht. Ich strecke ihm die Zunge raus. Das faltige Gesicht lacht mich aus. Er. Ich. Du. Wer \u00fcberhaupt? An F\u00e4den fest gebunden, marionettengleich h\u00fcpfe ich durchs Leben. Noch habe ich die Schere nicht gefunden. Taste nach ihr. Finde sie nicht. Gaffe noch immer diese Maske an. Ich lache. Guck doch weg, du! Nat\u00fcrlich, das bin ich. Mein Nicht-Ich. Mein Nacht-Ich. Weg mit dir.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich finde die Schuhe nicht, die passen. Hier nicht. Nirgends. Weil es sie nicht gibt. Nicht f\u00fcr mich, nicht hier.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Der Joint ist zu Ende. Obwohl ich den Filter noch ein bisschen rausgezogen habe, ist nun alles aufgeraucht. Kein lieber Flash, nicht zart. Hart. Kantig. Dunkelbraun. Ockergelb. Ich stehe auf, gehe, Fu\u00df vor Fu\u00df setzend, zur Anlage. Das kostbarste Teil in meiner Wohnung.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich ziehe Goa aus dem CD-Turm. Christa mochte sie nicht, diese Scheiben. Scherben meines Lebens. Endlich schaffe ich es, den Silberling aus der Box zu klauben. Goa Tribes. Ich bringe dem Knopf bei, dass er die Schublade ausfahren soll. Und endlich wei\u00df ich wieder, welcher Finger meiner rechten Hand welche Taste dr\u00fccken muss, damit die Musik aus den Boxen dr\u00f6hnen kann.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich schaffe es sogar, die Vorh\u00e4nge zuzuziehen und die Fratze auszusperren. Tief graben sich die Falten der Nacht \u00fcber alles, decken zu, decken auf. Will sie nicht hier drin haben. Nicht Christa und nicht dieses Nachtgesicht. Ich will zum Sofa und beschlie\u00dfe auf der Musiknebeldecke hin\u00fcberzuschwimmen. Ans Ufer. Mein Wohnzimmer ist das Meer. Dehnt sich aus. Ich tauche unter, tauche auf. Sehe endlich wieder farbig.<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich segle, surfe, schwimme. Tanze. Musik flie\u00dft durch meine Adern. Ich lache vor mich hin. Der harte Schlag der Musik resoniert mit meinem Herzschlag. Ich hebe ab, die H\u00e4nde und Arme schwingen durch die Luft. Ich schlage zu. Rotgrauer Punchingball, wo vorher keiner hing. Da, und da, und da. Die Drums geben mir den Takt vor. \u00bbDemons In My Head\u00ab. Endlich schlage ich zur\u00fcck. Zuerst kommen die von der Bude dran. Jetzt die von der Klinik. Christa. Mein Vater. Damit er mich endlich ernst nimmt. Nun meine Mutter, die mich st\u00e4ndig bemitleidet und immer zu wissen glaubt, was ich brauche. Und die sich f\u00fcr mich sch\u00e4mt. Und wieder mein Vater. Da. Und da. F\u00fcr dich. Ich schlage zu und sehe sein \u00fcberraschtes Gesicht an der Wand. Er zieht den Kopf ein.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Wieder Christa. Lass mich endlich in Ruhe, du! Da! F\u00fcr dich. Ein Klopfen durch die Wand vermischt sich mit meiner Musik. Von unten. Oder von nebenan.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Sch\u00f6n, die m\u00f6gen meine Musik! Endlich mal was Erfreuliches. Ich muss wieder lachen und klopfe zur\u00fcck. Als Dank und Gru\u00df. Absurd, das Leben! Wieso bin ich noch nie darauf gekommen, sie alle mal zu verpr\u00fcgeln? Nicht richtig nat\u00fcrlich, ich bin ja nicht gewaltt\u00e4tig. Nur so zum Schein, um ihnen alles zur\u00fcckzuzahlen. Damit sie wissen, wie weh es tut, das Leben.<\/span><\/span><\/p>\n<p>++++++++++++++<\/p>\n<p><em>\u00a9 by Denise Maurer<\/em><\/p>\n<p>erschienen in: <strong>Nachtfalter<\/strong> im Wortkuss-Verlag, 2010<br \/>\nISBN: 3-94202-605-8<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich fummle lange, bis ich das Schl\u00fcsselloch treffe. Lasse mich ersch\u00f6pft auf einen K\u00fcchenstuhl fallen. Puh, mein Kumpel Erik! Wie erwartet, war er nicht mit leeren Taschen unterwegs. Ich habe nicht viel gekauft, kiffe nur noch selten. Christa soll blo\u00df nicht glauben, dass ich mich gehen lasse. Jedenfalls nicht wegen ihr. 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