{"id":113,"date":"2014-12-18T16:15:56","date_gmt":"2014-12-18T15:15:56","guid":{"rendered":"http:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=113"},"modified":"2023-03-05T13:38:47","modified_gmt":"2023-03-05T11:38:47","slug":"womoeglich","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=113","title":{"rendered":"Wom\u00f6glich"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u00bbM\u00f6chtest du noch was trinken?\u00ab, fragt sie, als er vor ihrem Haus einparkt. Nullachtf\u00fcnfzehn vom Gr\u00f6bsten! Rona bei\u00dft sich auf die Zunge. Minus f\u00fcnfzig Punkte!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u00bbIch habe gehofft, dass du das fragst\u00ab, sagt Marius. \u00bbJa, gerne!\u00ab<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Alles Zeitlupe jetzt. Wie im Film!, denkt Rona und sieht Marius zu, wie er den Schl\u00fcssel dreht. Wie er ihn aus dem Schloss zieht. Wie er das Licht l\u00f6scht und die Handbremse fixiert.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Zwei Stunden zuvor sind Marius und Rona vor dem Trubel des Festes auf Klaus&#8216; Dachterrasse gefl\u00fcchtet. Rauchend haben sie die bei Tisch begonnene Unterhaltung weitergef\u00fchrt und sind dabei tiefer in ein angeregtes Gr\u00fcbeln \u00fcber Gott und die Welt eingetaucht. Wie ein Seebad in einer hei\u00dfen Sommernacht, denkt Rona zuweilen, wenn sie solche Gespr\u00e4che f\u00fchrt. Nat\u00fcrlich hat sie Marius&#8216; Einladung gerne angenommen, sie nach dem Fest heimzufahren. So konnte sie auf den Nachtbus verzichten. Unm\u00f6glich, dieses Angebot abzulehnen. Beim Dessert hat sie seinen Unterschenkel an ihrem gesp\u00fcrt. Und das Erwachen der Schmetterlinge, die zwischen Herz und Bauch herumzuflattern begannen. Au\u00dferdem die Stimme in ihrem Innern. Lust ist eine heimt\u00fcckische Falle! Rona, pass auf!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Vielleicht ist diesmal alles anders? Vielleicht ist er ja anders? Und warum nicht den Sprung ins Leben wagen? Leben ist riskant! <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Leise gehen sie zu ihrer Wohnung hoch. K\u00f6nnen wir uns verlieben, ohne von blendenden Trugbildern get\u00e4uscht zu werden, fragt sich Rona im Treppenhaus. Lassen die Hormone mit sich tanzen, ohne dass wir dabei Illusionen und Bed\u00fcrfnisse auf unser Gegen\u00fcber \u00fcbertragen? Sie beschlie\u00dft, sich bedeckt zu halten. Verbietet sich, ihm zu zeigen, wie sehr sie ihn will. Selbstschutz. Trotz der Sehnsucht, dem Wunsch, sich fallen zu lassen, sich zu vergessen. Dennoch dr\u00e4ngt alles in ihr nach jenem Rausch, jener Entr\u00fccktheit, jener Gl\u00fcckseligkeit. Schwei\u00dfnass. Au\u00dfer Atem. Sprachlos. Aus Zeit und Bahn geworfen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Sie dreht das Licht an.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u00bbWillkommen in meiner H\u00f6hle!\u00ab, sagt sie und beobachtet seinen Blick. Er schaut sich um und scheint sich wohlzuf\u00fchlen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u00bbWas trinkst du? Kaffee? Wein?\u00ab<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u00bbDich!\u00ab Er l\u00e4chelt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Hat er das wirklich gesagt? Was ist es, was mich an ihm anmacht? Er sieht v\u00f6llig unspektakul\u00e4r aus. Klar, seine hellbraunen, lockigen Haare gefallen ihr und sie hat Lust, in ihnen zu w\u00fchlen. Sie mag auch die fast schwarzen Augen und die vollen Lippen. Ach ja, im Moment interessieren sie vor allem seine Lippen. Rona k\u00fcsst gerne. Als Antwort blinzelt sie nur, mehr geht nicht. Soll sie ihn gleich k\u00fcssen oder doch lieber erst Kaffee aufsetzen? Das Eroberungsspiel ausdehnen? Das Warten und die Spannung in die L\u00e4nge ziehen? Sie steht noch immer zwischen K\u00fcche und Schlafzimmert\u00fcr im Flur.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u00bbSoll ich dir die Jacke abnehmen?\u00ab Sie deutet auf den Sakko auf seinem Arm und wirft einen Blick Richtung Garderobe.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u00bbWas immer du willst. Das Hemd und die Hose auch gleich &#8230;\u00ab Marius spielt mit. Wieso st\u00f6ren mich diese Macho-Spr\u00fcche bei ihm nicht? Weil er kein Macho ist, vielleicht? Und warum ist er kein Macho? Weil ich nicht will, dass er einer ist! Basta. Minus hundert Punkte f\u00fcr mich!, schilt sie sich. Abzug f\u00fcr ihr hartn\u00e4ckiges Festhalten an einer Illusion oder zweien.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u00bbLass uns zuerst etwas trinken und auf dem Balkon eine Zigarette rauchen.\u00ab Ronas Stimme klingt cooler, als ihr zumute ist. Soviel wie heute Abend qualmt sie sonst nicht. Ob er die Betonung des Wortes <\/span><\/span><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\"><i>zuerst<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\"> bemerkt hat?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Sein Schmunzeln best\u00e4tigt ihr, dass er wei\u00df, dass sie wei\u00df, dass sie es beide wissen und wollen. Alles klar.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ruhig atmen, Rona. Denken ausschalten. Genusssensoren einschalten. Ob meine Kabelbrandsch\u00e4den in der Zwischenzeit repariert sind? H\u00f6r jetzt endlich mit Gr\u00fcbeln auf!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Bald blubbert der Kaffee vor sich hin und kurz darauf sitzen sie auf dem Balkon, die Tasse in der einen, die Zigarette in der anderen Hand. Die Luft zwischen ihnen knistert. Sich wieder f\u00fcnfzehnj\u00e4hrig zu f\u00fchlen. Sch\u00fcchtern beide. Sto\u00dfen grinsend mit den Kaffeetassen an. K\u00fcssen sich. Ein Hauch nur. Er dr\u00fcckt die eben entz\u00fcndete Zigarette aus und streichelt scheu \u00fcber ihre Haare.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Sie stellt ihre Tasse auf den Bistrotisch und liebkost sein Gesicht mit den Fingerspitzen. Ihre Lippen ber\u00fchren sich von Neuem. Schwierig nur, dass beide noch etwas in der Hand halten. Lachen steigt hoch. Er stellt seine Tasse neben ihre, w\u00e4hrend sie ihre Zigarette ausdr\u00fcckt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Jaaa, er k\u00fcsst gut! Plus hundert Punkte! Dann h\u00f6rt sie zu gr\u00fcbeln auf.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Im Schlafzimmer kleiden sie sich hastig aus und umarmen sich splitterfasernackt im Stehen. Haut auf Haut. Ausgehungert fallen sie \u00fcbereinander her. Wild das erste Mal. Sp\u00e4ter, unter die Decke gekuschelt, fangen sie von vorne an. Diesmal langsamer, behutsam. Zwei Forschungsreisende. Rona liebt es, wie z\u00e4rtlich er sie dabei betrachtet. Sie hat, entgegen ihrer Gewohnheit, die Augen ge\u00f6ffnet. Das Kerzenlicht wirft Schatten an die W\u00e4nde und verzaubert ihre Haut, l\u00e4sst sie leuchten, schimmern. Au\u00dferirdisch, ja, \u00fcberirdisch f\u00fchlt sich ihr H\u00f6henflug an. Genuss pur. Sie sp\u00fcrt, was er mag. Sie sagt, was sie mag. Sie f\u00fchlt sich gut. Ganz. Nach endlosen Stunden auf offener See legen sie an und d\u00f6sen eng umschlungen ein.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Rona erwacht, weil sie pinkeln muss<\/span><\/span><b>,<\/b><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\"> und setzt sich danach im Bademantel auf den Balkon. Es ist warm. Auf dem Bistrotisch liegt \u2013 heute Nacht in Gesellschaft zweier voller Espressotassen \u2013 ihr Schreibblock. Ihr Netz, um flatternde Gedanken einzufangen. Im Licht der Stra\u00dfenlampen kritzelt sie vor sich hin.<\/span><\/span><\/p>\n<div id=\"Bereich1\" dir=\"ltr\">\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\"><br \/>\nNachtfalters Werben<br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">erwartungsvoll<br \/>\numgarnt er<br \/>\ndas Licht<br \/>\ngeblendet von<br \/>\nso viel<br \/>\nAusstrahlung<br \/>\ngef\u00e4hrlich<br \/>\nhei\u00df<br \/>\nt\u00f6dlich<br \/>\ner kann<br \/>\nes<br \/>\nnicht lassen<br \/>\nzischend<br \/>\nverbrennt er<br \/>\nvielleicht<br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\"><br \/>\nZynische Liebesgeschichte k\u00f6nnte ich diese Zeilen nennen. Bin ich Falter oder Licht? Will ich mich auf Risiken einlassen oder suche ich Scheinsicherheit? Gibt es dazwischen nichts? Liebe gar? Wom\u00f6glich leben ja auf diesem Planeten doch noch ein paar gute M\u00e4nner. Wom\u00f6glich ist Marius einer davon und es ist an der Zeit, ein neues Drehbuch zu schreiben. Wom\u00f6glich wartet, hinter dem Vorhang der Verliebtheit, die wahre Liebe auf mich. Obschon ich sie mit meinem fortw\u00e4hrenden Zynismus, der doch blo\u00df meine Angst tarnt, bisher erfolgreich in die Flucht geschlagen habe.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ach, vergiss es, Rona, das gibt es nur im M\u00e4rchen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u00bbGl\u00fccklich ist der Mensch, der bei sich selbst zu Hause ist\u00ab, sagt ihre Freundin Luzia bisweilen. Das ist es, was Rona endlich will: Gl\u00fccklich sein. Und frei. Von einem Mann unabh\u00e4ngig. Ohne sich dauernd anzupassen oder sich auf Kompromisse einzulassen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u00bbIst die Lust vorbei, kann die Liebe erwachen\u00ab, hat sie neulich in einem Artikel gelesen. Sie fr\u00f6stelt. Augenblicke sp\u00e4ter kuschelt sie sich an Marius\u2019 R\u00fccken. Jetzt ist jetzt.<\/span><\/span><\/p>\n<p>++++++++++++++<\/p>\n<p><em>\u00a9 by Denise Maurer<\/em><\/p>\n<p>erschienen in: <strong>Nachtfalter<\/strong> im Wortkuss-Verlag, 2010<br \/>\nISBN: 3-94202-605-8<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbM\u00f6chtest du noch was trinken?\u00ab, fragt sie, als er vor ihrem Haus einparkt. Nullachtf\u00fcnfzehn vom Gr\u00f6bsten! Rona bei\u00dft sich auf die Zunge. Minus f\u00fcnfzig Punkte! \u00bbIch habe gehofft, dass du das fragst\u00ab, sagt Marius. \u00bbJa, gerne!\u00ab Alles Zeitlupe jetzt. 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Wie er&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":41,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"nosidebar.php","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-113","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/113","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=113"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/113\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1062,"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/113\/revisions\/1062"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/41"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=113"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}