{"id":115,"date":"2014-12-18T16:20:52","date_gmt":"2014-12-18T15:20:52","guid":{"rendered":"http:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=115"},"modified":"2023-03-05T13:38:47","modified_gmt":"2023-03-05T11:38:47","slug":"hinter-dem-horizont","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=115","title":{"rendered":"Hinter dem Horizont"},"content":{"rendered":"<p>\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Lies mal, Petra! Hab ich soeben in meinem Rucksack gefunden\u201c, sagte ich zu meiner Freundin, die gleich neben der H\u00fctte arbeitete. Ich reichte ihr einen zerknitterten Computerausdruck und eine Postkarte. Die Karte war schnell gelesen. Sie hatte fr\u00fcher an meinem Spiegel gehangen und zeigte einen Regenbogen. Darunter in violetten Lettern: \u201eHinterm Horizont geht\u2019s weiter\u201c. Petra nahm meine Funde mit hochgezogenen Brauen entgegen. Was sprach gegen eine kleine Pause, wo wir doch unsere Zeit frei gestalten konnten? Sie sah m\u00fcde aus. Und mager, doch abgemagert waren wir alle. Die Erde unter unseren F\u00fc\u00dfen urbar zu machen, zehrte an unseren Kr\u00e4ften. Tagelang hatten wir aus Schwemmholz, Steinen, Brettern und weiterem Abfallmaterial ein Haus errichtet. Mehr schlecht als recht verdiente es diesen Namen. Nun waren wir dabei, den Boden herzurichten. Anbauen wollten wir die uns vom Mund abgesparte Dinkel- und Haferk\u00f6rner und die letzten f\u00fcnf Kartoffeln. Auch hatten wir ein paar entwurzelte Haselstr\u00e4ucher und junge Eichen wieder eingepflanzt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich hatte Fieber bekommen, doch die anderen drei rackerten weiter. Immer nur liegen, lag mir allerdings nicht. Au\u00dferdem war der harte Boden unbequem. So hatte ich meine Habseligkeiten ausgepackt, viel war es nicht, und war dabei auf eine wasserfeste Dose gesto\u00dfen. Sie h\u00fctete f\u00fcnf Silberlinge und einen USB-Stick. Zeugen einer verlorenen Zeit. Ganz unten lag, klein zusammengefaltet, ein Computerausdruck. Den Petra soeben \u00fcberflog.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Inzwischen waren Alexandra und Sabine n\u00e4her gekommen. Froh um die Pause. Wie es mir gehe, fragte Sabine. Hatten wir bis hierhin \u00fcberlebt, durfte ich nun nicht an einer banalen Grippe sterben. Wir hatten keinerlei medizinische Hilfsmittel dabei, au\u00dfer ein paar Aspirin und Pflaster. Mir gehe es ein bisschen besser, sagte ich.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">H\u00f6rt zu! Ich les euch was vor!\u201c, sagte Petra. Sie wedelte mit dem Ausdruck. \u201eSophia hat das hier eben gefunden. Es stammt, wie ihr seht\u201c, sie f\u00e4rbte ihre Stimme melodramatisch ein, \u201eaus jener vorsintflutlichen Zeit, als es Computer und Drucker gab. \u201eH\u00f6rt zu &#8230;\u201c Die anderen zwei schnitten Grimassen. Ob sehns\u00fcchtig oder erleichtert, konnte ich nicht ausmachen.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e\u2019<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Donnerrollen hat mich geweckt. So heftig, wie ich es noch nie zuvor erlebt habe. Noch ist es dunkel, doch Blitze erleuchten fast ununterbrochen mein Zimmer. Die Wehen einer Geb\u00e4renden kurz vor der Geburt, denke ich und d\u00f6se wieder weg. Sirenen wecken mich eine Stunde sp\u00e4ter. Ich taste mich durch den Traumschleier zum Radio. Wasseralarm. Eine neuerliche \u00dcberschwemmung im Mattenquartier, sagt die Nachrichtensprecherin. Auch in den n\u00e4chsten Tagen l\u00e4sst der Regen nicht nach. Die Aare steigt weiter. L\u00e4ngst sind die Bewohnerinnen und Bewohner aus den tiefer gelegenen Wohnquartieren Berns evakuiert worden. Meine Freundin Sabine hat sich bei mir einquartiert. Nur einen vollen Rucksack hat sie mitgenommen. Mein Quartier gilt als sicher. Seit am neunten Tag die Meldung kam, der Waisenhausplatz stehe unter Wasser, zweifle ich jedoch an dieser vermeintlichen Sicherheit. Noch nie sei die Aare so hoch gestiegen, wussten die Historiker. Nutzlos gewordene Sands\u00e4cke waren zu Grunde gegangen. Und mit ihnen unser Sicherheitsdenken.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Seit dreizehn Tagen regnet es nun ununterbrochen. Wir haben einen Notvorrat an Reis, Teigwaren, Konserven, Tiefk\u00fchlgem\u00fcse und Schokolade angelegt. Das Bundeshaus ist l\u00e4ngst evakuiert worden. Wahl- und Konzertplakate, vom Sturmwind zerfetzt, schwimmen in den braunen Fluten durch die Strassen, h\u00f6re ich im Radio. Wohin unsere Regierung geflohen ist, wissen wir nicht. Zeitungen gibt es seit zwei Tagen keine mehr. Die Fluten machten auch vor den Druckereien nicht Halt. Ohne Fernseher k\u00f6nnen wir uns kein Bild der Katastrophe in der Innenstadt machen. St\u00e4ndig sind Helikopter im Einsatz. Irgendwann h\u00f6ren wir die ersten Todesnachrichten im Radio. Massenhysterie mache sich breit, die in einer Massenflucht gipfle. Viele fl\u00fcchteten auf den Gurten, Berns Hausberg, wo eine Hilfsorganisation auf der grossen Wiese eine Zeltstadt aus dem Boden gestampft hat.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Noch gibt es offenbar Menschen, die nicht davon rennen, sondern etwas unternehmen, denke ich besch\u00e4mt. Wir allerdings haben, ich gestehe es, keinerlei Ambitionen in dieser Richtung. Ehrlich gesagt rechnen wir damit, wie die meisten, dass es jeden Augenblick zu regnen aufh\u00f6rt. Und die Normalit\u00e4t wieder einkehrt. Noch regnet es weiter. Am f\u00fcnfzehnten Tag bricht der Radioempfang ab. Auch vom Telefon-Festnetz sind wir abgeschnitten. Internet ist Vergangenheit. Einzig unsere Handys verbinden uns noch mit der Aussenwelt. Immer h\u00e4ufiger erfahren wir von Ertrunkenen. Die ganze Schweiz steht Kopf \u2013 und unter Wasser. Was sage ich da? Ganz Europa! Alle umliegenden Staaten haben den Notstand ausgerufen. Das Wasser steigt und der Regen nimmt kein Ende. Doch noch sind wir in Sicherheit. Ich fahre t\u00e4glich mit dem Fahrrad zur Wassergrenze und begreife endlich den Ernst unserer Lage. Am einundzwanzigsten Tag hat das Wasser den Loryplatz erreicht. Zwei weitere Freundinnen, Alexandra und Petra, die dort wohnen, tauchen auf. Petras Schwester lebt in den USA. Auch dort regne es wie nie zuvor, sagt sie. Das ist die letzte SMS, die eine von uns empfangen hat, danach ist jeglicher virtueller Kontakt unm\u00f6glich. Immerhin haben wir noch Strom. Was werden wir tun, wenn das Wasser weiter steigt? Ertrinken? Verhungern? Fl\u00fcchten oder warten? Sollte es zur weltweiten Katastrophe kommen, wollten wir \u00dcberlebende oder Ertrinkende sein? Wir diskutieren bis tief in die Nacht und trinken die letzte Flasche Wein. Noch habe ich Zigaretten, doch wie lange?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich packe meinen gro\u00dfen Rucksack. Lebensmittelvorr\u00e4te, Trinkflaschen, ein \u00dcberlebenshandbuch, Streichh\u00f6lzer, Messer, Schnur und dergleichen mehr. Und warme Sachen. Die anderen drei malen sich derweilen Szenarien aus. Die N\u00e4he eines m\u00f6glichen Untergangs stimmt uns wider Erwarten heiter. Alles relativiert sich, Priorit\u00e4ten werden neu verteilt. Das gemeinsame Lachen verhindert, dass wir durchdrehen. Ich hole die Luftmatratze aus dem Keller. K\u00f6nnte n\u00fctzlich sein.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Morgen wollen wir los. Doch wie? Nicht mehr ganz n\u00fcchtern f\u00e4llt es uns schwer, alle Pro und Kontra miteinander zu vergleichen. Mit meinem Auto fliehen? Klein zwar, aber zu viert w\u00fcrde es schon irgendwie gehen. Doch wohin? Auf den Gurten? Mir graut es davor, in einer hysterischen Masse zu landen und tatenlos auf den Untergang zu warten. Wenn wir doch blo\u00df ein Boot h\u00e4tten!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Wir schlafen zum letzten Mal f\u00fcr m\u00f6glicherweise lange Zeit in einem Haus. Die anderen haben sich von ihrer Habe bereits fr\u00fcher getrennt. Mir steht es noch bevor. Leicht f\u00e4llt es mir nicht. Ich mache mir bewusst, dass es allen anderen gleich gegangen ist und dass ich letztlich nichts auf ewig behalten kann. Erinnere mich an die Verg\u00e4nglichkeit des Lebens. Heute Morgen, dem Tag unserer Flucht, duschten wir uns alle nochmals ausgiebig. Immerhin Wasser hat es reichlich. Jetzt werde ich meine wichtigsten Daten auf CDs und den USB-Stick speichern, diesen Text ausdrucken und anschlie\u00dfend alles in eine wasserfeste Dose packen. Vielleicht werde ich eines Tages froh dar\u00fcber sein. Oder sonst jemand.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Vielleicht werden unsere Leichen, wie dereinst \u00d6tzi, von einer intelligenten, nach uns kommenden Rasse gefunden und meine Dateien entschl\u00fcsselt? Fertig jetzt. Die anderen sind bereit und warten auf mich. Ich w\u00fcnsche uns eine gute Reise.\u2019\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Keine sagte ein Wort. Petras Augen glitzerten. Sehnten wir uns zur\u00fcck? Wo wir waren, wussten wir nicht. War es wichtig?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Wie der Rest der Welt aussah, wussten wir ebenfalls nicht. Eines Tages hatte der Regen aufgeh\u00f6rt. Es war Fr\u00fchsommer und wir lebten. Dank einer Kiste voll Konservendosen und der Tatsache, dass Holz leichter ist als Wasser. Sicher, dass wir uns mit Outdoor- und \u00dcberlebenstechniken auskannten, hatte geholfen. Doch die gr\u00f6\u00dfte Triebfeder f\u00fcr unser \u00dcberleben war unsere Freundschaft. Jede f\u00fcr sich alleine h\u00e4tte wohl aufgegeben. Die ferne Zukunft war kein Thema. Weiterleben war angesagt. Was hie\u00df, genug zu essen zu finden. An Wasser fehlte es uns nicht, da ein Bach in unserer N\u00e4he vorbeid\u00fcmpelte. Das Wasser kochten wir in den leergegessenen Dosen ab.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Auch andere mussten \u00fcberlebt haben. Nat\u00fcrlich dachten wir oft an unseren Familien und Freunde. Wir weinten und trauerten, keine Frage. Nur \u00e4nderte es nichts an unserer Lage.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Vermutlich sind mehr Arme als Reiche ertrunken,\u201c sagte Alexandra. \u201eDenn bestimmt haben sich all die dreckigen Oberbonzen und Mafiosi irgendwo in Sicherheit gebracht und planen nun die Neue Welt!\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Vergiss es! Die haben doch keine Ahnung von Survival. Die wissen doch nicht mal, wie man Feuer macht! Ich glaube eher, dass vor allem einfache Leute \u00fcberlebt haben. Solche, die anpacken k\u00f6nnen, die wissen, wie man \u00fcberlebt &#8230;\u201c, sagte Sabine.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Endlos konnten wir dar\u00fcber reden. Oft schwiegen wir. Immer wieder fanden wir auf unserer Nahrungssuche Ertrunkene. Wir begruben sie, so gut es ging. Zu Anfang wollten wir uns von jedem Menschen, den wir beerdigten, dessen Besonderheiten aufschreiben, doch hatten wir bald kein Papier mehr. Mein kleiner Notizblock war schon nach ein paar Tagen vollgekritzelt. Auch war uns nicht klar, wozu dieser Aufwand gut sein sollte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Alle, die gerne schreiben, k\u00f6nnen sich meine Freude vorstellen, als ich eines Tages auf eine Kiste mit Papier stiess. Oh, wem sag ich das? Wer wird das je lesen? Vermutlich die Lieferung f\u00fcr eine Druckerei. Die Papierb\u00f6gen waren aneinander festgepappt. Es war harte Knochenarbeit, die einzelnen Seiten voneinander zu l\u00f6sen. Doch endlich konnte ich mit meiner \u00dcberlebenschronik beginnen. Bis hierhin bin ich gekommen. Soll ich weiterschreiben? Wenn ja, wozu? F\u00fcr uns vier? Wir kennen die Geschichte. Wir wissen, wie hart \u00fcberleben ist. Wir wissen, um die vielen Tr\u00e4nen. Wir wissen, wie sich Ungewissheit und Trauer anf\u00fchlt. Wozu soll ich \u00fcber unser \u00dcberleben schreiben? Schluss damit. Leben findet jetzt statt. Heute! Und das feiern wir. Jetzt! Nicht irgendwann. Hier. Hinter dem Horizont.<\/span><\/span><\/p>\n<p>+++++++++++++++++++++++++++++<\/p>\n<p><em>\u00a9 by Denise Maurer<\/em><\/p>\n<p>erschienen in: <strong>Feier-Tage<\/strong>, Edition Literaturinsel, Engelsdorfer Verlag 2009<br \/>\nISBN: 3-86703-976-3<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eLies mal, Petra! 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