{"id":1163,"date":"2017-02-14T13:17:10","date_gmt":"2017-02-14T11:17:10","guid":{"rendered":"http:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=1163"},"modified":"2023-03-05T13:39:34","modified_gmt":"2023-03-05T11:39:34","slug":"julia-und-edith-eine-lebensgeschichte","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=1163","title":{"rendered":"Julia und Edith | Eine Lebensgeschichte"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\" align=\"center\"><span style=\"color: #1c1c1c;\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><b>1 Julia<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #1c1c1c;\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Ich s\u00e4e Berge, sagte sie. Klein wie sie war, musste sie sich dazu nicht tief b\u00fccken. Kieselstein um Kieselstein legte sie in die warme Erde. Wie ihre Gro\u00dfmutter neben ihr hatte sie zuvor mit dem Setzholz eine Schneise gezogen. Bald w\u00fcrden hier Berge wachsen. So wie aus Apfelkernen Apfel- und aus N\u00fcssen Nussb\u00e4ume wurden.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #1c1c1c;\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Samstagmorgen. Mit der Kaffeetasse in der Hand wandert Julia durch Gro\u00dfmutters Garten. L\u00e4ngst ihr Garten. Oma und Opa sind schon lange tot, Berge keine gewachsen, doch Steine mag sie noch immer. Gesteinsschichten. Geschichten.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #1c1c1c;\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Meine Lebensgeschichte ist nichts anderes als das Umschichten von Erfahrungen,<\/i><\/span><\/span><span style=\"color: #1c1c1c;\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"> geht es ihr durch den Kopf. Kleines wird gro\u00df. Gro\u00dfes schrumpft. Und Unkraut w\u00e4chst ohne zu fragen. Im Steingarten setzt Julia sich hin. Auf sonnengew\u00e4rmte Erde.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #1c1c1c;\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Jeder Stein steht f\u00fcr einen Abschnitt meines Lebens, <\/i><\/span><\/span><span style=\"color: #1c1c1c;\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">denkt Julia. Schichtet Steine um. Dieser hier \u2013 glatt und spitzzulaufend \u2013 erinnert sie an den vergangenen Sommer voller Aufbr\u00fcche und Neuanf\u00e4nge. Und der hier an den beschwerlichen Fr\u00fchling. Kantig ist er. Liegt ihr schwer in der Hand. Julia w\u00e4hlt aus. W\u00fcnscht sich flache, glatte Steine. Wie einfach es w\u00e4re, das Leben. Das Steint\u00fcrme-Bauen. Doch in ihrem Garten sucht sie den perfekten Stein vergeblich. Es gibt ihn nicht. Alle sind vollkommen.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #1c1c1c;\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Sie schichtet Stein auf Stein. Wackeliger Turm. St\u00fcrzt ein. Immer wieder. Und immer wieder f\u00e4ngt sie von vorne an. Kombiniert neu. War es der letzte Stein, der den Turm zum Einst\u00fcrzen brachte? Vielleicht der drittletzte? Der erste gar? Egal. Einst\u00fcrze sind erlaubt. Scheitern darf sein. Kaputt gehen dabei einzig und allein ein paar Illusionen. Nicht mehr. Nicht weniger. Fallende Steine gehen nicht kaputt. Sie ver\u00e4ndern nur ihre Lage.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #1c1c1c;\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Einsturz ist Erfahrung, denkt Julia, Balancieren ein dynamischer Prozess. Und Wackeln inbegriffen. Stein auf Stein zu legen erfordert die Gesetze der Schwerkraft zu sp\u00fcren. Ein Berg w\u00e4chst. Ges\u00e4t vor vielen Jahren. Von kleinen Kinderh\u00e4nden.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">W\u00e4hrend sie mit einem reifen K\u00fcrbis in den H\u00e4nden zur\u00fcck ins Haus geht, f\u00e4llt Julia die Geschichte wieder ein, die ihr Dorothee neulich in der Arbeitspause erz\u00e4hlt hat. Vom hungrigen Mann. Au\u00dfer seinem Saatgut hatte er nichts mehr zu essen gehabt. F\u00fcr einmal dachte er nicht an Morgen. Au\u00dferdem war seine Lust auf junge Kartoffeln und frischen Getreidebrei unwiderstehlich. Drei Monate warten bis zur Ernte war ihm zu lang. Also kochte er sich eine wunderbare Mahlzeit. Am n\u00e4chsten Tag erneut. Und auch am \u00fcbern\u00e4chsten. Bis seine ganze Saat in seinem Bauch verschwunden war.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Dorothee hatte die Geschichte von Sara. Die arbeitet als Entwicklungshelferin dort, wo sich die Geschichte ereignet hat. Dorothee war emp\u00f6rt. Wie konnte er nur, dieser Mann! Dachte nur an sich! Sp\u00e4ter habe er bei den anderen Leuten in seinem Dorf um Hilfe gebeten. Und erhalten. Das sei doch nicht gerecht! Was er gemacht habe, ebenso wenig, wie dass die anderen ihm geholfen h\u00e4tten. Saat geh\u00f6re in die Erde. Damit sie wachsen k\u00f6nne. Damit sie eines Tages Ernte einbringe. Wo k\u00e4men wir denn hin, wenn niemand s\u00e4en w\u00fcrde? Wenn alle glaubten, die anderen w\u00fcrden schon schauen!<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Ist denn die Natur gerecht?, hatte Julia gefragt. Ist sie nicht vielmehr grunds\u00e4tzlich \u00fcbersprudelnd und n\u00e4hrt und kleidet, die nicht ges\u00e4t haben? <\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Die Lilien auf dem Felde<\/i><\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">. Du wei\u00dft schon. Wir verstehen selten, warum es mal so und mal so ist. Auch mag ich von Saat bis Ernte nicht linear denken. In der Natur gibt es keine geraden Linien. Immer kommt etwas dazwischen. Ein Wurm. Ein Sturm. Etwas, dass das Wachstum bremst.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Dorothee hatte mit den Schultern gezuckt, auf die Uhr geschaut und war aufgestanden. Fertig Pause.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Kaum hat Julia den K\u00fcrbis auf dem K\u00fcchentisch gelegt, klingelt das Telefon. Wie sch\u00f6n! Ihre Patentochter.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"center\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><b>2 Edith<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Wohin damit? Verbrennen?<\/i><\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"> Edith z\u00f6gert.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Nun mach schon vorw\u00e4rts!,<\/i><\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"> ermahnt sie sich selber. <\/span><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Bis Samstag musst du fertig sein! Und diese Briefe hier sind ja eigentlich nur Ballast.<\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">\u00dcbermorgen wird sie ausziehen. Zwar sind ihre Eltern okay, doch nun, wo sie ihre erste Arbeitsstelle als G\u00e4rtnerin angetreten hat, will sie auf eigenen F\u00fcssen stehen.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Edith kann nicht anders. Bl\u00e4ttert sich r\u00fcckw\u00e4rts durch die Jahre. Staunt, wie alt einige der Briefe und Karten sind. Fotos zwischen den Umschl\u00e4gen. Eine scheinbar gl\u00fcckliche Vierzehnj\u00e4hrige lacht ihr entgegen. Wie anders die Erinnerung.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Da findet sie einen alten Umschlag mit Julias Schrift. Sie klaubt den Brief ihrer Patentante aus dem Umschlag.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\">\u201e<span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Liebe Edith<\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Was j\u00fcngst in deinem Leben geschehen ist, besch\u00e4ftigt mich sehr. Denn du bist f\u00fcr mich ein ganz besonderer Mensch. Was immer du ausgefressen hast, ich stehe zu dir.<\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Mein Weg in die Welt der Erwachsenen war wohl ebenso m\u00fchsam wie deiner. Auch ich bin oft ziemlich unsanft gelandet. Meist habe ich mich als Fremdling in dieser Welt wahrgenommen. Das ganze Leben eine einzige unbegreifliche Algebra-Stunde und ich darin als Zahl in einer Gleichung, die nicht aufgeht. Die Mauer zwischen mir und den Erwachsenen war un\u00fcberwindbar und nat\u00fcrlich wollte ich sowieso nie so werden wie sie.<\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Soll ich dir ein Geheimnis verraten? Irgendwann habe ich herausgefunden, dass in allen Erwachsenen noch immer jene vierzehnj\u00e4hrigen Kinder stecken, die sie waren! Viel zu oft verstummt und vergessen.<\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Ja! Auch in mir steckt es noch, diese eigensinnige M\u00e4dchen. Die \u00fcberm\u00fctige achtzehnj\u00e4hrige Frau ebenfalls. Und auch die F\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hrige. Damals fand ich, als ich meine Sachen aufr\u00e4umte, einen Brief meiner Patentante in meinem Nachtschrank. Einen \u00e4hnlichen Brief, wie du ihn jetzt liest. Sie hatte ihn mir geschrieben, als ich so alt war, wie du heute.<\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Damals war es mir ziemlich mies gegangen. Ich hatte zu kiffen angefangen. Offenbar sind wir uns da sehr \u00e4hnlich, liebe Edith. Und auch ich hatte meiner Mutter hin und wieder Geld aus dem Portemonnaie geklaut.<\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Ehrlich gesagt war ich erleichtert, als das Ganze nach ein paar Wochen aufflog. Obwohl es schrecklich und peinlich war. Ich musste, wie du, das geklaute Geld restlos zur\u00fcckzahlen. Ferienjobs \u2013 du wei\u00dft schon.<\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Wie eine kleine Blume war ich gewesen, damals. Kurz vor der Bl\u00fcte. Die vierzehnj\u00e4hrige Julia lechzte nach Sonne, nach Wasser, nach bewundernden Blicken. Und nach Aufmerksamkeit, nach Geborgenheit. Nach Liebe. Bekommen habe ich nur einen Bruchteil von alledem. Die meisten Blumen, die meisten Menschen wachsen nicht unter optimalen Bedingungen heran. Das Leben ist nicht ideal.<\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Heute gestalte ich dennoch mein Leben so, dass ich gedeihen kann. Ich bem\u00e4ngle nicht mehr, was mir f\u00fcr das perfekte Wachstum fehlt, gebe mir stattdessen selber, was ich brauche und akzeptiere das Unvollkommene.<\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Liebe Edith, obwohl das Leben nicht ideal ist, ist es dennoch lebenswert. Trotz allem. Ich w\u00fcnsche dir den Mut, das selber herauszufinden.<\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\"><i>Herzlich, Deine Julia\u201c<\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Courier New,monospace;\">Nein, diesen Brief wird sie ganz bestimmt nicht verbrennen, beschlie\u00dft Edith. Und dass sie bald ihre Patentante anrufen wird.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 Julia Ich s\u00e4e Berge, sagte sie. Klein wie sie war, musste sie sich dazu nicht tief b\u00fccken. Kieselstein um Kieselstein legte sie in die warme Erde. Wie ihre Gro\u00dfmutter neben ihr hatte sie zuvor mit dem Setzholz eine Schneise gezogen. Bald w\u00fcrden hier Berge wachsen. So wie aus Apfelkernen Apfel- und aus N\u00fcssen Nussb\u00e4ume&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":50,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"nosidebar.php","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1163","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1163","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1163"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1163\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1164,"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1163\/revisions\/1164"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/50"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1163"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}