{"id":117,"date":"2014-12-18T16:21:25","date_gmt":"2014-12-18T15:21:25","guid":{"rendered":"http:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=117"},"modified":"2023-03-05T13:38:47","modified_gmt":"2023-03-05T11:38:47","slug":"jenseits-des-nebels","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=117","title":{"rendered":"Jenseits des Nebels"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Die Leute blicken sich um. Gefl\u00fcsterte Worte h\u00e4ngen im Raum, Tr\u00e4nen werden aus den Augenwinkeln gewischt und jemand schn\u00e4uzt sich die Nase. Die Gruppe Verwandter ist klein. Im Gegensatz zu den vielen Leuten, die offensichtlich zu Judiths Freundeskreis geh\u00f6ren. Viele kennen sich von den Festen, zu denen Judith ab und zu eingeladen hat. Heute steht ein anderes Fest an. Die G\u00e4ste haben vor einigen Tagen die eidottergelben Briefe in ihren Briefk\u00e4sten gefunden. und gelesen. Unglaublich! Ausgerechnet Judith!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Das Musikst\u00fcck, das aus den Lautsprechern ert\u00f6nt, ist un\u00fcblich f\u00fcr einen Anlass wie diesen. Doch es passt perfekt zu Judith. Blues. Die Saxophonkl\u00e4nge weben sich unter die Haut.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Es wird gemunkelt, dass Judith sich das Leben genommen hat. Wei\u00dft du mehr?\u201c, fragt Thomas Pia. Er fl\u00fcstert. Beide haben zusammen mit Judith studiert und \u00fcber all die Jahre den Kontakt aufrecht erhalten. Thomas wei\u00df, dass Pia mit Judith n\u00e4her befreundet war.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Wer wei\u00df das schon? Auch ich habe Judith wohl nicht wirklich gekannt. Du wei\u00dft ja, wie sie war. Oder jedenfalls wie sie wirkte. Extrovertiert und quirlig nach au\u00dfen, nach innen unfassbar. Es war jedenfalls ein Selbstunfall. Falls du das h\u00f6ren willst. Sie war allein auf der Stra\u00dfe. Nach Mitternacht. Die Stra\u00dfen trocken. M\u00f6glich, dass sie am Steuer eingeschlafen und dabei in die Leitplanken gerast ist. Von Tabletten keine Spur. Ein klein wenig Alkohol muss sie getrunken haben, doch nicht genug, um die Kontrolle zu verlieren. Au\u00dferdem war sie eine sichere Lenkerin &#8230;\u201c. Die Tr\u00e4nen h\u00e4ngen fest und die Musik wird leiser. Stille.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Patricia, eine andere Studienfreundin, heute Psychotherapeutin, tritt an die Kanzel. Das Sprechen f\u00e4llt ihr schwer. Sie weist darauf hin, dass sich Judith eine unkonventionelle Abdankung, will hei\u00dfen, eine ohne Pfarrer, gew\u00fcnscht habe.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Wie es auf der Todesanzeige steht,\u201c, sagt sie, \u201ehat sich Judith schon immer f\u00fcr ihre Trauerfeier eine Art Erinnerungsfest vorgestellt. Wir erz\u00e4hlen uns gegenseitig Erlebnisse, die wir gemeinsam mit Judith hatten. Und Erinnerungen &#8230;\u201c Patricia r\u00e4uspert sich ihre Tr\u00e4nen und den Klo\u00df im Hals weg. Es bleibt beim Versuch. Doch davor werde sie eine Geschichte vorlesen, die Judith vor ungef\u00e4hr einem Jahr geschrieben habe. Mit belegter Stimme liest sie vor.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Diesen feinen Nebel zu durchschreiten, der die Haut durchdringt und feucht darunter liegen bleibt. Wie ein Vorhang. Durchl\u00e4ssig und sch\u00fctzend. Danach die Augen zu \u00f6ffnen und festzustellen, dass ich noch da bin. Da und nicht da. Ich setze mich auf.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Der Raum, in dem ich mich befinde, wird von Oberlichtern sanft erhellt. Tageslicht, sagt meine Erinnerung. Morgend\u00e4mmerung. Ich verlasse die Liege und stelle fest, dass mein K\u00f6rper, diese H\u00fclle, die ich bis vor kurzem bewohnt habe, darauf liegen bleibt wie eine Schlangenhaut. Sollte mich dies beunruhigen? Der Nachhall an einen Aufprall steigt auf. Meine H\u00fclle, die ich betrachte, zeigt denn auch dunkle Flecken im Gesicht und an den Armen. Woran mein K\u00f6rper gestorben ist, wei\u00df ich nicht. Ich erinnere mich an Schmerzen im Unterleib und im Herz. Mehr nicht. Gut so.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Auf den anderen Liegen lassen sich weitere K\u00f6rper ausmachen. Mit wei\u00dfem Leinen zugedeckte. Ob der Raum k\u00fchl ist, k\u00fcmmert mich nicht. Ich habe keine Fragen mehr. Diese geh\u00f6ren ins Jenseits des Nebels hin. Alles in und um mich ist in Licht getaucht, das nur vage dem Licht aus den Oberlichtern \u00e4hnelt. Es ist dichter. Das alte ist nur ein Abklatsch des neuen. Himmel bin ich. Gestilltes Heimweh. Ich bin. Ich bin ganz.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Das Ende der Begrenztheit durch die H\u00fclle des K\u00f6rpers. Meine Seele hat Raum. Dehnt sich aus. \u00dcbersprudelt grenzenlos.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich gleite durch die Mauern ins Freie. Finde mich auf einem schmalen Streifen Gras wieder, der das Geb\u00e4ude ums\u00e4umt. Die Feuchtigkeit des Taus kann ich nicht empfinden, doch ich erfreue mich am Funkeln der Tropfen. Nun gleite ich \u00fcber die Stra\u00dfe. Die Leute, die hektisch an mir vorbeihetzen, nehmen keine Notiz von mir. Ich sehe unter ihre bunte Haut. Bin pures Leben. Jetzt sehe ich hinter den Vorhang. Sehe ihre Lasten. Und sehe ihre nur f\u00fcr mich sichtbaren Begleiter, die mich im Vorbeigehen gr\u00fc\u00dfen. Sie versuchen, den Menschen beim Tragen zu helfen. Meist vergeblich.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich schwebe weiter. \u00dcber den Fluss. Erkenne wundersch\u00f6ne durchsichtige Gestalten, die sich vergn\u00fcgt im und \u00fcber dem Wasser tummeln. Auf der anderen Seite des Flusses, w\u00e4hrend ich \u00fcber Sand und Steine schwebe, bemerke ich weitere Gestalten, die in den B\u00fcschen, Blumen und B\u00e4umen sitzen. Die Seelen der einzelnen Pflanzen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Eine alte Frau sitzt auf einer Bank, nahe am Ufer. Sie weint leise. Ich spreche sie an, setze mich neben sie. Sie h\u00f6rt mich nicht. Um so deutlicher h\u00f6re ich ihre Gedanken, sehe ihre Verbitterung. Vor kurzem ist ihr Mann gestorben, mit dem sie sechzig Jahre zusammen gelebt hat. Ich bedaure sie f\u00fcr ihre Traurigkeit und f\u00fcr ihre Einsamkeit. Nicht jedoch f\u00fcr ihren Verlust, denn ich wei\u00df: Nichts und niemand geht verloren. Alles ver\u00e4ndert sich blo\u00df. Sie wird ihn wiedersehen, wenn auch anders, als sie es sich vorstellt und herbeisehnt. Ich hauche ihr eine gro\u00dfe Portion Mut zu. Davon habe ich im \u00dcberfluss. Als ich mich von der alten Frau verabschiede, leuchtet ihr Gesicht auf. Als sei ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke gedrungen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Die Last der Welt, die ich mir fr\u00fcher \u2013 jenseits des Nebels \u2013 aufgeladen hatte, ist weg. Wozu bewerten? Keine Ahnung mehr, wieso ich das fr\u00fcher immer tat. L\u00e4chelnd nehme ich wahr, was ist. Betrachte alles um mich her.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Weiterschwebend entdecke ich ein kleines M\u00e4dchen. Es sitzt auf dem Rinnstein. Das Gesicht auf die Knie gelegt, weint es. Ich empfinde Liebe, setze mich neben das M\u00e4dchen und warte. Es setzt sich auf und blickt mich an. Seine Augen leuchten.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201a<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Kannst du mir helfen?\u2019, fragt es mich. \u201aIch habe darum gebetet, dass mir jemand hilft!\u2019<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201a<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Wenn es etwas ist, dass ich tun kann, helfe ich dir gerne\u2019, sage ich. Ich z\u00f6gere, denn ich bin wohl keine dieser Feen, die drei W\u00fcnsche erf\u00fcllen.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201a<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Tistinchen ist weg. Meine kleine wei\u00dfe Katze, wei\u00dft du. Mama und Papa meinen, dass sie sich verirrt hat. Oder unter ein Auto gerannt und nun tot ist. Ich glaube das nicht. Sie lebt und sucht mich. Ich vermisse sie so sehr &#8230;!\u2019 Das kleine M\u00e4dchen schnieft nun wieder mit tr\u00e4nennassen Augen und putzt sich die Nase mit dem \u00c4rmel seiner rosa Bluse ab. \u201aDu kannst mir bestimmt helfen!\u2019<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201a<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Warte hier auf mich, ich werde sie suchen!\u2019, sage ich, Ich gleite durch die Stra\u00dfen. \u00dcber die Stadt. Durch die B\u00fcsche. Durch die Quartiere. Mein Herz verbindet sich mit Tistinchen. Sie ist in einer Garage eingesperrt. Sie miaut, sie wolle zu Larissa. Nach Hause. Ich versuche das kleine Fenster in der Seitenwand zu \u00f6ffnen und bin nicht \u00fcberrascht dar\u00fcber, dass es mir gelingt. Tistinchen springt heraus und h\u00fcpft neben mir her. Sie miaut Dankesch\u00f6n. Larissa und Tistinchen freuen sich sehr.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201a<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich habe ja gewusst, dass es Engel gibt! Vielen Dank!\u2019, sagt Larissa. Oh, ein Engel? Bin ich das? Ich lache.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Schlie\u00dflich schwebe ich an einem Haus vor\u00fcber, das mir vertraut vorkommt. Mein Wohnhaus. Meine Wohnung. Auf dem Sofa sitzt mein Partner, in Tr\u00e4nen aufgel\u00f6st. Eine meiner Freundinnen sitzt ihm gegen\u00fcber. Auch meine Eltern sind da. Sie reden \u00fcber mich und jenen Unfall, der mich, wie sie sagen, mein Leben gekostet hat.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201a<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Hey, Ramon\u2019, sage ich. \u201aMir geht\u2019s gut!\u2019 Ich streichle ihm \u00fcber den R\u00fccken. Er richtet sich auf und sagt: \u201aHm, ich weiss nicht recht &#8230; ich glaube, dass es Anna gut geht, wo immer sie jetzt ist. Sie hatte ja keine Angst vor dem Tod. Sie sagte oft, dass Seelen nicht verloren gehen!\u2019 Die anderen nicken zustimmend und erinnern sich an sch\u00f6ne Erlebnisse mit mir, die sie nun miteinander teilen. Die Stimmung ver\u00e4ndert sich. Meine Freundin lacht sogar, w\u00e4hrend sie eine besonders lustige Geschichte erz\u00e4hlt. Ich freue mich \u00fcber ihr Lachen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich schwebe durch die Tage. Auf dem Friedhof treffe ich weitere Gleiter wie mich. Doch nicht alle hier sind friedlich. Einige umarmen mich und wir f\u00fchlen uns sofort vertraut miteinander. Andere gucken weg, wollen keine Gleiter, keine Toten sein. Meine neuen Freunde nennen sich Begleiter. Der Gedanke gef\u00e4llt mir: Menschen zu begleiten. Die Zeit als Anna ist vorbei.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Eine Menschengruppe kommt n\u00e4her. Alle weinen. Nun erkenne ich Ramon, meine Freunde und Freundinnen. Auch meine Eltern und andere Verwandte sind gekommen. Sie tragen meinen Kokon in einem h\u00f6lzernen Sarg zu Grabe. Ich tanze um sie herum. Mache mich bemerkbar. Winke ihnen zu, um ihnen zu zeigen, dass es mir gut geht. Diesmal scheint mich niemand wahrzunehmen. Sie weinen.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201a<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Weint nicht! Hier bin ich! Mir geht\u2019s gut!\u2019 Die kleine Tochter meiner Cousine sieht auf. Sie winkt mir zu. Ihr Gesicht leuchtet auf. Die Tr\u00e4nen trocknen. Ich beschlie\u00dfe, sie ab jetzt zu begleiten.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Patricia hat zu Ende gelesen. Die Stille im Raum vibriert und das R\u00e4uspern und Schn\u00e4uzen klingt leichter als zuvor. Mundwinkel wandern aufw\u00e4rts und Augen m\u00f6gen wieder strahlen.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich habe dir doch gesagt, dass es Engel gibt, Mama. Hier drin und drau\u00dfen auf dem Friedhof hat es ganz besonders viele!\u201c, sagt Judiths zehnj\u00e4hriger Patensohn Timo, der mit seiner Mutter in der zweitvordersten Reihe sitzt. Er fl\u00fcstert, doch alle k\u00f6nnen ihn h\u00f6ren.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Aus den Lautsprechern erklingt ein weiteres Musikst\u00fcck. Harfe und Fl\u00f6te. Heiter irgendwie. Wie Judiths Lachen.<\/span><\/span><\/p>\n<p>+++++++++++++++++++++++++++++<\/p>\n<p><em>\u00a9 by Denise Maurer<\/em><\/p>\n<p>erschienen in: <strong>Feier-Tage<\/strong>, Edition Literaturinsel, Engelsdorfer Verlag 2009<br \/>\nISBN: 3-86703-976-3<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Leute blicken sich um. Gefl\u00fcsterte Worte h\u00e4ngen im Raum, Tr\u00e4nen werden aus den Augenwinkeln gewischt und jemand schn\u00e4uzt sich die Nase. Die Gruppe Verwandter ist klein. Im Gegensatz zu den vielen Leuten, die offensichtlich zu Judiths Freundeskreis geh\u00f6ren. Viele kennen sich von den Festen, zu denen Judith ab und zu eingeladen hat. 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