{"id":129,"date":"2014-12-18T16:43:57","date_gmt":"2014-12-18T15:43:57","guid":{"rendered":"http:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=129"},"modified":"2023-03-05T13:39:34","modified_gmt":"2023-03-05T11:39:34","slug":"sonderbar-oder-der-kraehenbaum","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=129","title":{"rendered":"Sonderbar oder Der Kr\u00e4henbaum"},"content":{"rendered":"<p style=\"margin-bottom: 4px;\"><strong>Romane | Arbeitstitel<\/strong><\/p>\n<p>Sonderbar | Der Kr\u00e4henbaum erz\u00e4hlen zweimal die gleiche Familiengeschichte. Die Geschichtenweberin Camilla, elfj\u00e4hrige Tochter der alleinerziehenden Lia, sehnt sich nach Normalit\u00e4t. Ihre Mutter, erfolglose K\u00fcnstlerin, tr\u00e4umt vom Durchbruch. Beide, Mutter und Tochter finden \u00fcber ihre Kunst, ihre Ausdrucksform, einen Weg zu ihrem pers\u00f6nlichen Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>In <em><strong>Der Kr\u00e4henbaum<\/strong> <\/em>erz\u00e4hlt Camilla von ihrem Leben und<br \/>\nin <strong><em>Sonderbar<\/em> <\/strong>erz\u00e4hlt Lia ihre Sicht der Dinge.<em><br \/>\n<\/em><br \/>\nNachfolgend je ein Ausschnitt &#8230;<\/p>\n<h6><strong>Der Kr\u00e4henbaum<\/strong><\/h6>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eMam, gibt es eigentlich B\u00fccher, die Kinder geschrieben haben?\u201c, frage ich Lia. Sie steht an der Anrichte und schneidet Tomaten.<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eIch denke schon. So viel ich weiss, hat Federica de Cesco ihr erstes Buch als Kind geschrieben. Wieso?\u201c<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eNur so. Ich habe mir eben vorgestellt, wie sch\u00f6n es w\u00e4re, wenn es aus meinen Geschichten ein Buch g\u00e4be &#8230;\u201c<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eJa! Und wie sch\u00f6n es w\u00e4re, wenn eines Tages jemand zu mir k\u00e4me und sagen w\u00fcrde: \u201aGenau das habe ich gesucht! Genau solche Figuren! Genau diesen Stil!\u2019 Jeden Tag wird es Abend und niemand kommt. Bei B\u00fcchern ist es leider ganz \u00e4hnlich.\u201c<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eFindest du denn meine Geschichten nicht gut?\u201c<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eDoch, nat\u00fcrlich! Sehr sogar! Aber eben. Du findest ja meine Figuren auch gut, nicht wahr?\u201c Ich nicke. Besonders die letzten gefallen mir.<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eEs ist eben so,\u201c sagt sie, \u201edass die Menschen ganz verschiedene Geschm\u00e4cker haben und alle Menschen anders sind. Das heisst nun nicht, dass unsere Kreationen nicht gut sind!\u201c<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eMam, mach doch ein Fotobuch!\u201c <i>Ich sehe es schon vor mir.<\/i> \u201eIch weiss! Wir machen zusammen ein Buch. Mit meinen Geschichten und mit deinen Figuren drin!\u201c <span lang=\"it-IT\">Lia lacht. <\/span>Nein, sie lacht mich nicht aus, sie lacht, weil sie die Idee gut und verr\u00fcckt und unm\u00f6glich findet.<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eWeisst du was? Vor einiger Zeit habe ich mir in Bern, in einer klitzekleinen Buchhandlung einen wunderbaren Bildband angeschaut. Von ein paar Frauen, die ganz spezielle Kunststile entwickelt haben. Kein Schwein wollte das Buch kaufen, obwohl es genial ist. Mir war es leider zu teuer.\u201c<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eDas MUSS ich sehen! Bitte, Lia!\u201c Mam schmunzelt.<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eIch weiss doch gar nicht mehr, wo das war. Irgendwo in der Altstadt.\u201c<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eBiiitte Mam!\u201c<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eAlso gut. N\u00e4chste Woche. Abgemacht?\u201c<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eAbgemacht!\u201c <span lang=\"en-GB\">Give me five. <\/span>Das Klatschen unserer H\u00e4nde hallt durch die K\u00fcche. Kaum ist der Abwasch erledigt, schreibe ich das n\u00e4chste Kapitel ins Reine. <\/span><\/span><\/p>\n<p>++++++++++++++++<\/p>\n<h6><strong>Sonderbar<\/strong><\/h6>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eIch lag da und z\u00e4hlte die Risse an der Wand und fragte mich, ob ich jemals wieder heil werde.\u201c Lia nimmt einen Schluck Orangensaft.<\/span><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\"> \u201eIch habe mir noch im Krankenhaus geschworen, mich niemals mehr zu verlieben. Kannst du das verstehen? Niemals mehr von einem Mann herumgeschubst werden.\u201c Wut macht sich breit. Gut verpackte Trauer.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eDas kann ich verstehen\u201c, sagt Lotta.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eVerstehst du mich wirklich? Lieber keine Liebe als eine solche! Liebe macht so verdammt verletzlich. Und so verletzt werden wie damals, will ich nie mehr!\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eDas war ja auch keine Liebe! Das war \u2013 bestenfalls \u2013 ein Tanz der Hormone. Verliebtheit. Doch es gibt da noch etwas anderes. Wirkliche Liebe. Liebe, die lebendig macht. Nat\u00fcrlich bist du verletzlicher, wenn du liebst. Aber auch erst richtig lebendig. Ich denke an deine Eltern. Sie sind wohl noch immer zusammen? F\u00fcr mich waren sie immer das gro\u00dfe Vorbild.\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eJa, sie sind noch immer zusammen. Und noch immer gl\u00fccklich. Sie haben ein Geheimnis, das ich bisher nie entdeckt habe. Glaubst du denn, dass ich nicht wirklich lebe, weil ich mich nicht auf einen Mann einlassen will?\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eNein, das nicht. Nicht grunds\u00e4tzlich. Ich denke nicht, dass du nicht liebst. Du liebst deine Tochter, deine Eltern. Freunde, Freundinnen. Doch ich vermute, du hast Angst vor der Liebe zu einem Mann.\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eWie du das so sagst &#8230;? Hm. Vermutlich. Vermutlich habe ich Angst. Doch ist das nicht verst\u00e4ndlich?\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eNat\u00fcrlich. Doch es ist \u00fcber zwanzig Jahre her. Und es muss nicht dabei bleiben. Es ist vielleicht endlich Zeit, deinen Schwur zu knacken! Ich glaube, du hast dich lange genug bestraft. Und deine M\u00e4nner wohl auch.\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eBestraft? Mich bestraft? Meine M\u00e4nner? Das finde ich also ganz sch\u00f6n krass!\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eJa, vielleicht ist das krass ausgedr\u00fcckt. Doch ist es nicht so, dass du in erster Linie dich eingeschr\u00e4nkt hast. Und in zweiter Linie wohl auch deine M\u00e4nner.\u201c<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Eingeschr\u00e4nkt? Ich denke, ich habe mir einfach alle Freiheit genommen, die sich sonst die M\u00e4nner im Umgang mit Frauen nehmen &#8230;\u201c<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Das t\u00f6nt nach Rache!\u201c<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Gut m\u00f6glich!\u201c Lia lacht bitter.<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Und? Hat es sich gelohnt?\u201c<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Gelohnt! Echt, du stellst Fragen! Gelohnt! Ich bin lieber alleinerziehend als eine brave Hausfrau, die frustriert tagt\u00e4glich ihrem Ehemann den Haushalt macht, sein Essen kocht und seine Socken w\u00e4scht!\u201c<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Klischees!\u201c<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Das ist doch der normale Ehealltag &#8230;\u201c Lias Stimme ist laut geworden.<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich kenne zum Gl\u00fcck auch ein paar l\u00f6bliche Ausnahmen, Lia. Mich zum Beispiel. Deine Eltern. Undsoweiter. Sag mal, hast du dir schon mal \u00fcberlegt, dass du immer die Wahl hast? Auch deine brave Klischee-Hausfrau hat sich ihr Leben wom\u00f6glich genau so gew\u00e4hlt. Und nur sie alleine wei\u00df, ob sie gl\u00fccklich ist. Was f\u00fcr dich von au\u00dfen entsetzlich aussieht, entspricht m\u00f6glicherweise ihrem Ideal. Das ist nicht deine Geschichte. Du kannst nur f\u00fcr dich w\u00e4hlen.\u201c<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Meine Geschichte w\u00e4re dann wohl die einer ungl\u00fccklichen, alleinerziehenden und erfolglosen K\u00fcnstlerin, die es nicht schafft einen Mann zu lieben &#8230;?\u201c Wie ein Sommergewitter entl\u00e4dt sich Lias Wut von Neuem. Tr\u00e4nen spritzen aus ihren Augen, das Kajal l\u00e4uft \u00fcber ihre Wangen. Lotta zupft ein Taschentuch aus der Box auf dem Tisch legt es auf Lias Oberschenkel. Beide sagen lange sagen kein Wort. Lia ringt nach Luft. Die jahrelang gebaute Staumauer ist gebrochen.<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Es tut so weh. Als w\u00e4re ich hier wund!\u201c, fl\u00fcstert Lia endlich und legt sich die Hand auf ihre linke Brust.<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Solche Wunden lassen sich heilen, glaub mir. Dar\u00fcber reden ist der erste Schritt. Aber ich sage dir dies nicht als Therapeutin. Sondern als Freundin. Die ich noch immer, oder wieder neu, sein will.\u201c<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Danke.\u201c<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Sehe ich das richtig: So richtig \u00fcberzeugt von deinem Lebenskonzept scheinst du doch nicht zu sein?\u201c<br \/>\nLia sch\u00fcttelt den Kopf, langsam und immer von Neuem. Endlich hinschauen tut weh.<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Und deine Tochter gibt deinen M\u00e4nnern Nummern?\u201c<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ja, sie w\u00fcnscht sich so sehr, dass ich endlich \u2013 und zwar am liebsten ihren Vater \u2013 heirate. Na ja. Mir ist neulich der Name ihres Vaters herausgerutscht.\u201c<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Wie bitte? Sie wusste zuvor nicht einmal, wie ihr Vater hei\u00dft?\u201c rutscht es Lotta heraus. Auch Lia ist \u00fcberrascht. Allerdings von der Reaktion ihrer Freundin.<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Wieso h\u00e4tte ich ihr denn diesen sagen sollen, wenn mich mit ihrem Vater nichts verbindet? Es ist irgendein Mann gewesen. Und ich wollte ein Kind. F\u00fcr mich war es nicht wichtig, wer er ist. Zumal ich ihm nichts von meinem Kinderwunsch und von meiner Schwangerschaft gesagt habe.\u201c Lotta sch\u00fcttelt kaum merklich den Kopf. Offenbar gibt es doch noch Dinge, die sie \u00fcberraschen k\u00f6nnen. Sie staunt \u00fcber die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der Lia ihr Recht, ihrer Tochter ihren Vater vorzuenthalten, darlegt.<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Und nun also ist dir der Name herausgerutscht?\u201c<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ja. Vor ein paar Wochen.\u201c<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Sucht deine Tochter nun nach ihrem Vater?\u201c<\/span><br \/>\n\u201e<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich glaube nicht. Sie hat nie nachgefragt. Sie war stocksauer, als ich ihr sagte, dass ich ihn in die W\u00fcste geschickt habe. Sie hatte sich wohl immer vorgestellt, dass er gegangen sei. Ansonsten ist sie ein wunderbares, kreatives Kind, sehr aufgeweckt und intelligent. Und ordentlich. Wie ihre Oma.\u201c<\/span><\/span><br \/>\n<\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>+++++++++++++++++++++++<\/p>\n<p><em>\u00a9 by Denise Maurer<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Romane | Arbeitstitel Sonderbar | Der Kr\u00e4henbaum erz\u00e4hlen zweimal die gleiche Familiengeschichte. Die Geschichtenweberin Camilla, elfj\u00e4hrige Tochter der alleinerziehenden Lia, sehnt sich nach Normalit\u00e4t. Ihre Mutter, erfolglose K\u00fcnstlerin, tr\u00e4umt vom Durchbruch. 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