{"id":288,"date":"2014-12-19T14:33:59","date_gmt":"2014-12-19T13:33:59","guid":{"rendered":"http:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=288"},"modified":"2023-03-05T13:39:12","modified_gmt":"2023-03-05T11:39:12","slug":"fossilien-ausgraben","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=288","title":{"rendered":"Fossilien ausgraben"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Vor zw\u00f6lf Jahren kam ich zum ersten Mal mit Speckstein in Ber\u00fchrung. Wortw\u00f6rtlich. Ich lebte damals in einer Lebensgemeinschaft im Haute Jura, Frankreich. Eine Freundin und ein Freund, die mit uns dort lebten, f\u00fchrten einen kleinen Schnitz- und Schleifworkshop durch.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Die Tische waren reich gedeckt. Gro\u00dfen und kleine Steine lagen zur Auswahl bereit. Werkzeuge ebenfalls. S\u00e4gen, um die Steine auf die gew\u00fcnschte Gr\u00f6\u00dfe zuzuschneiden. Raspeln und Feilen aller m\u00f6glichen Gr\u00f6\u00dfen. Schleifpapier. Von trocken bis nass. Von grob bis fein. Verzaubert ber\u00fchrte ich einen Stein nach dem anderen. Lie\u00df mich ber\u00fchren. W\u00e4hlte einen Stein. Lie\u00df mich von einem Stein ausw\u00e4hlen, denn das kommt der Sache schon n\u00e4her. Ein mehrt\u00e4giger Dialog begann. W\u00e4hrend ich feilte und schliff, offenbarte mir mein Stein seine wahre Form. Dabei wurde ich zu seinem Menschen. Der Beginn einer Freundschaft. Die Delphinschale, die ich unter den oberen Schichten dieses Steines freilegte, ist noch immer bei mir. Nach dem ich die gr\u00f6beren Arbeiten abgeschlossen hatte, genoss ich den Feinschliff und das st\u00e4ndige \u00dcberpr\u00fcfen der Oberfl\u00e4che. Die k\u00fchle Gl\u00e4tte, durchbrochen von Einschl\u00fcssen und Gesteinsschichten, die nat\u00fcrlicherweise zu meinem Stein geh\u00f6ren, ging mir unter die Haut. Als ich vom trockenen Schleifpapier zum nassen \u00fcberging und deshalb zwischendurch den Stein ins Wasser legte , stieg eine erste Ahnung in mir auf, wie meine Schale vollendet und mit Harz\u00f6l versiegelt, aussehen w\u00fcrde. Gl\u00e4nzend, nat\u00fcrlich. Glatt und geschmeidig. Das ist sie bis heute.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Der Stein ist immer, was er ist. Hat sein Gesicht, seine Gestalt. Und die F\u00e4higkeit, zu wandeln. Ob diese innere Form f\u00fcr Menschenaugen je sicht- und f\u00fchlbar wird, ist unwesentlich. Dennoch, wenn er mich ausw\u00e4hlt, zeigt er sich bereit, sich mir zu zeigen. Bereit, sich von mir freilegen zu lassen. Der Stein ist der Chef.<\/span><\/span><\/p>\n<p>+++<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Es war einmal, vor vielen, vielen Jahren, ein kleines M\u00e4dchen. Als es in Ber\u00fchrung mit den Buchstaben kam, war es knapp drei Jahre alt. Ja, es ber\u00fchrte sie. War ber\u00fchrt von ihren Kanten und suchte nach dem R\u00e4tsel ihrer Macht. Was verbargen sie? Wie war es m\u00f6glich, dass kleine, meist schwarze Zeichen \u2013 in B\u00fcchern geschichtet und auf Zeitungen gestreut \u2013 die F\u00e4higkeit hatten, Menschen ein Lachen aufs Gesicht zu zaubern? Oder Zorn auszul\u00f6sen. Diskussionen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Auf dem Scho\u00df seines Vater begriff es, wie O aussah. Fand ihn nun \u00fcberall. Zeigte auf ihn, lachte ihn an. Bald wollte es mehr. Mit dreieinhalb Jahren konnte es Persil entziffern, die grossen Buchstaben auf der Waschmittelpackung forderten dazu auf.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Unser kleines M\u00e4dchen nannte die Buchstaben allerdings nicht Buchstaben, sondern verpasste ihnen, als Gruppe, selbstverst\u00e4ndlich seinen Familiennamen. Was besser passte als dieses unverst\u00e4ndliche Gestabbel. So hatte das M\u00e4dchen sechsundzwanzig neue Geschwister, noch kleiner als es, die es feins\u00e4uberlich zu unterscheiden lernte, w\u00e4hrend seine grossen Geschwister &#8211; jene aus Fleisch und Blut &#8211; in der Schule \u00e4hnliches lernten.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Das M\u00e4dchen muss ziemlich \u00e4tzend gewesen sein. \u201eZeig mir, wie lesen geht!\u201c Gl\u00fccklicherweise spielte seine Schwester gerne hin und wieder Lehrerin.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Eine leise Ahnung, dass die Buchstaben mehr von ihm wollten, als nur gekannt, nur gesehen zu werden, wuchs stetig. Buchstaben forderten seine ganze Aufmerksamkeit und es entstanden Bildergeschichten mit Sprechblasen und kleinen Kommentaren. Das M\u00e4dchen begriff, dass die Geschichten schon immer da waren. Oft sogar bereit, sich von ihm in eine Form bringen zu lassen.<\/span><\/span><\/p>\n<p>+++<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Geschichten zu schreiben ist geologische Feinarbeit, sagt Stephen King in \u201aDas Schreiben und das Leben\u2019. Ich zitiere ihn und seine Parabel mit den auszugrabenden Fossilien hier nicht wortw\u00f6rtlich. Doch ich teile seine Vorstellung, dass Geschichten schon immer da waren. Immer da sein werden. So und anders. Diese und andere. Zugedeckt. Unterirdisch oft. Im Dunkeln. Ob sie darauf warten, ausgegraben zu werden, wage ich nicht zu behaupten. Doch ich wage zu behaupten, dass sie, wenn wir zu finden bereit sind, sich gerne von uns finden lassen. Dass sie uns jenen ersten klitzekleinen Zipfel sehen lassen, der aus der Erde schaut.<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #ffffff;\">&#8230; <\/span><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Noch k\u00f6nnen wir nicht erkennen, welche Geschichten uns dieses kleinen Fitzelchen offenbaren will. Doch Schicht um Schicht tragen wir ab. Mit einer alten Zahnb\u00fcrste polieren wir die einzelnen Stellen. Entdecken immer mehr Details. Schauen hin. Kn\u00f6chelchen. Versteinerungen. Formen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Setzen zusammen. Bannen Bilder auf unsere Bildschirme. In Buchstaben konvertiert. Wissend, dass, was wir schreiben, schon da gewesen ist. Wenn wir mit dem nassen Schleifen begonnen haben, treten die Formen immer deutlicher hervor. Ber\u00fchrung. Hier kantig, dort glatt und fein. Gl\u00e4nzend vielleicht.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Die Geschichte ist. Immer. Hat ihr Gesicht, ihre Gestalt. Und die F\u00e4higkeit, zu wandeln. Eigendynamik. Und Freude an unserer Veredelung. Hoffe ich zumindest. Ob jede Geschichte gefunden und in Form gebracht werden muss, ist unwesentlich. Doch wenn mich eine Geschichte ausw\u00e4hlt, sich von mir finden l\u00e4sst, lasse ich mich ein.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Tja, die Geschichte ist die Chefin.<\/span><\/span><\/p>\n<p>+++<\/p>\n<h6><strong>Bonus Track<\/strong><\/h6>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Auch ich bin. Eine Geschichte. Gesichtet. Geschichtet. Ausgegrabenes Fossil. Freigelegte, blankgewaschenen Kn\u00f6chelchen. Einzelteile. Kieselsteine.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich setze zusammen. Staple aufeinander. Erfahre jeden Stein als weitere Schicht meines Lebens. Ich w\u00e4hle diejenigen, die f\u00fcr meine Zwecke am geeignetsten scheinen. Am liebsten, ich geb&#8217;s zu, w\u00e4ren mir viele flache, glatte. Die Suche nach den perfekten Steinen frustriert zuweilen. Deshalb beschlie\u00dfe ich, mich mit den asymmetrischen und kantigen zufrieden zu geben. Sie rutschen weniger. Ich begreife: Den perfekten Stein gibt\u2019s nicht. Nicht so jedenfalls, wie von mir gedacht. Oder besser: Jeder Stein ist perfekt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich schichte. Stein auf Stein. Wackeliger Turm. Er st\u00fcrzt ein. Immer wieder. Ich fange von vorne an. Wage neue Kombinationen. Ist es der letzte Stein, der den Turm zum Einst\u00fcrzen brachte? Oder jener, der darunter lag? Der erste gar? Schuldige suchen ist m\u00fc\u00dfig. Jeder Stein ist perfekt. Wie gesagt. Und auch der Einsturz ist in Ordnung. Er zerst\u00f6rt einzig und allein meine Ideen und verg\u00e4ngliche Kreationen. Nicht mehr, aber auch nichts weniger. Die Steine gehen dabei nicht kaputt, sie ver\u00e4ndern nur ihren Platz. Wie im Tod. Nichts geht verloren. Alles wandelt sich.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Einsturz und Scheitern k\u00f6nnen mir nicht wirklich schaden, nein. Einsturz meint Erfahrung. Er\u00f6ffnet neue M\u00f6glichkeiten. Ermutigt dazu, Gleichgewicht finden als dynamischen Prozess anzusehen. So schichte ich immer neu. Wackeln inbegriffen. Stein auf Stein zu legen erfordert, die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der Schwerkraft zu sp\u00fcren. Verinnerlichtes Wissen manifestiert sich in meinen H\u00e4nden. Gelassen steht mein Turm da. Wartet auf neue Schichten. Auf den n\u00e4chsten Einsturz. Auf den letzten Stein. Irgendwann.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Meine Geschichte. Schicht um Schicht. Wie gesagt, der Stein ist der Chef. Der Stein und ich sind eins.<\/span><\/span><\/p>\n<p>++++++++++++++++++++++++++++++++++<\/p>\n<p><em>\u00a9 by Denise Maurer, 2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor zw\u00f6lf Jahren kam ich zum ersten Mal mit Speckstein in Ber\u00fchrung. Wortw\u00f6rtlich. Ich lebte damals in einer Lebensgemeinschaft im Haute Jura, Frankreich. Eine Freundin und ein Freund, die mit uns dort lebten, f\u00fchrten einen kleinen Schnitz- und Schleifworkshop durch. Die Tische waren reich gedeckt. Gro\u00dfen und kleine Steine lagen zur Auswahl bereit. 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