{"id":374,"date":"2015-01-05T16:04:40","date_gmt":"2015-01-05T15:04:40","guid":{"rendered":"http:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=374"},"modified":"2023-03-05T14:20:33","modified_gmt":"2023-03-05T12:20:33","slug":"das-wesen-der-kuenstlerinnenseele-ein-plaedoyer","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=374","title":{"rendered":"Das Wesen der K\u00fcnstler:innenseele \u2013 Ein Pl\u00e4doyer"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass es \u2013 ungeachtet jeglichen Verst\u00e4ndnisses und jeglicher Definition von Kunst \u2013 Menschen gibt, die nicht leben k\u00f6nnen, ohne sich k\u00fcnstlerisch oder kreativ auszudr\u00fccken. Genauso gibt es Menschen, die diesen Drang nach Ausdruck nicht oder nur in geringem Ma\u00df versp\u00fcren. Beides ist gut so, wie es ist.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich steht im Mittelpunkt k\u00fcnstlerischen Schaffens weniger das Endprodukt als der Weg, der Prozess, der Augenblick des Erschaffens. Auf diesem Weg erbl\u00fcht die K\u00fcnstlerInnenseele schlechthin. Auch eine Blume erbl\u00fcht einzig deshalb, weil sie so ist, wie sie ist. Weil sie entfaltet, was in ihr angelegt ist. Nicht um uns zu gefallen. Ganz nebenbei und absichtslos erh\u00e4lt und vermehrt sie so ihre Art. Ihre Sch\u00f6nheit zeugt von der sch\u00f6pferischen Idee von F\u00fclle und \u00dcberfluss und ist ganz und gar uneitel und absichtslos. Luxus. Selbstzweck. Deshalb bin ich davon \u00fcberzeugt, dass Absichtslosigkeit ganz besonders auch im k\u00fcnstlerischen Ausdruck erlaubt ist. Dieser ist umso authentischer, je weniger er zu gefallen versucht. Er kann damit niemals den kommerziellen Aspekt im Mittelpunkt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der k\u00fcnstlerische Prozess verkommt zu blo\u00dfer Prostitution und Seelenverkauf, wird dem Produkt mehr Aufmerksamkeit gezollt als dem Prozess. Dieser inneren Reise, die sich materiell ausdr\u00fcckt. (Kunsthandwerk klammere ich hier aus, da dieses per Definition dem Broterwerb dient. Darunter verstehe ich Keramikmalerei und T\u00f6pfern ebenso wie journalistisches Arbeiten, Kunsttherapie und vieles mehr. Diese Klammer ist wertfrei gemeint).<\/p>\n\n\n\n<p>Das sch\u00f6pferische Sein und Schaffen ist eine grunds\u00e4tzliche Lebenshaltung und widmet sich prim\u00e4r der Wahrnehmung und dem Ausdruck von Eigensichten und Innenr\u00e4umen. Der eigenen Wahrnehmung in Resonanz mit der Au\u00dfenwelt. Es geht dabei um Wandlung und Transformation von Eindruck in Ausdruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Identifiziert sich das Publikum mit der gefundenen Form des k\u00fcnstlerischen Ausdruckes, ohne dass sich dessen Sch\u00f6pfer, dessen K\u00fcnstlerin dem Geschmack des Publikums angepasst hat, ist dies ein willkommener Nebeneffekt. Auch ein K\u00fcnstler, eine Kunstschaffende braucht Geld, um laufende Kosten zu decken. Neben Ermutigung und Anerkennung braucht jedoch ein kreativer Mensch ebendiesen Ausdruck durch die ihm entsprechenden Formen! So sehr wie grundlegenden Dinge, Nahrung, Wasser und ein Dach \u00fcber dem Kopf. Ausdruck ist der K\u00fcnstlerIn existentiell. Ich wage sogar zu behaupten, dass er oder sie leidet, wenn das weder Zeit noch Raum ist, sch\u00f6pferisch t\u00e4tig zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Worin unterscheidet sich nun ein k\u00fcnstlerisch t\u00e4tiger Mensch von einem anderen? Seine Triebfeder ist jenes existentielle Dr\u00e4ngen und tiefe Bed\u00fcrfnis, Innen- und Au\u00dfenwelt wahrzunehmen und darzustellen, die Begegnung mit Ideen und Inspirationen und das Bed\u00fcrfnis \u00fcber das Leben und seine vielf\u00e4ltigen Formen nachzudenken, eigene Perspektiven, Denk- und Betrachtungsans\u00e4tze zu entwickeln. Mehr noch als eine Auflistung von Ausstellungen und Ver\u00f6ffentlichungen. Selbst ein unbekannter Kunstschaffender, eine unentdeckte K\u00fcnstlerin kann eine K\u00fcnstlerInnenseele beheimaten. Oft genug fehlen ihr Selbstvermarktungsf\u00e4higkeiten und Gesch\u00e4ftssinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie steht es dabei mit dem Talent, mag man sich hier fragen? Talent allein, so meine These, macht die eigentliche K\u00fcnstlerInnenseele nicht aus. Diese ist einfach da. Einem Fluss gleich. Ein Mensch kommt mit seiner K\u00fcnstlerInnenseele, mit diesem unterirdischen Fluss, zur Welt. Und dieser sucht sich zeitlebens seinen Weg. Sucht sich sein Bett, seine Ausdrucksmittel und seine Form.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erzeugte Resonanz in der \u00d6ffentlichkeit, wenn jenes zu diesem Menschen passende Medium gefunden worden ist, wird wohl Talent genannt, doch diese Talent-Etikette verleihen in aller Regel andere. M\u00f6glicherweise wir durch die Entdeckung eines solchen Talentes der unterirdische Fluss aus dem Dunkel hervortreten und damit sichtbar. Doch, wie gesagt, nicht das Sichtbarwerden des k\u00fcnstlerischen Flusses definiert die K\u00fcnstlerInnenseele. Diese gen\u00fcgt sich meist selbst und beansprucht einzig Raum, um flie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Sichtbar oder unsichtbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Gesehen werden hat Vor- und Nachteile. Keine Frage: Die Sehnsucht nach Ausdruck ebenso wie der Ausdruck selbst, bergen meist den Wunsch nach Verst\u00e4ndnis und Resonanz in sich. Erschaffenes ist fragil. Oft genug zerst\u00f6rt Kritik, oder verletzt zumindest, was da am Werden ist. Oder jedenfalls vorerst den kleinen Mut am Sichtbarmachen. Anerkennung ist also nicht alles. Sichtbarmachen kann ungewollt oder bewusst eine Anpassung an den breiten Geschmack des Publikums nach sich ziehen und den Verlust der Originalit\u00e4t bedeuten. Vorteile \u00f6ffentliches Sichtbarmachen k\u00fcnstlerischen Ausdruckes sind nat\u00fcrlich, neben ermutigenden R\u00fcckmeldungen, auch die kommerziellen Effekte. Ein gef\u00fcllter Geldbeutel l\u00e4sst besser schlafen, keine Frage. Er macht aber auch bequem.<\/p>\n\n\n\n<p>Ermutigende R\u00fcckmeldungen sind, wie ich selber erfahren habe, ebenfalls kreative Prozesse, Dialoge. Wird im Betrachtenden, in der Leserin etwas geweckt, gen\u00e4hrt, angesprochen oder ber\u00fchrt, das einen Wiedererkennungseffekt heraufzubeschw\u00f6ren vermag, geschieht etwas: Bei der K\u00fcnstlerin ebenso wie beim Betrachter. Das Produkt verselbst\u00e4ndigt sich, ist Medium und Spiegel. Dient beiden gleicherma\u00dfen. Und dies rechtfertigt \u00f6ffentliches Sichtbarmachen mehr als genug.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch glaube ich, wie gesagt, nicht, dass die K\u00fcnstlerInnenseele an der Zahl ihrer sichtbar gemachten Produkte zu messen ist, sondern an ihrem Ausdrucksbed\u00fcrfnis. Auch ein ruhender Vulkan ist ein Vulkan. Er wird durch seine Beschaffenheit definiert, nicht durch die H\u00e4ufigkeit seiner Eruptionen.<\/p>\n\n\n\n<p>++++++++++++++++++++++++++++++++++<\/p>\n\n\n\n<p><em>14. Juni 2009\/\u00fcberarbeitet 2015 | \u00a9 by Denise Maurer<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass es \u2013 ungeachtet jeglichen Verst\u00e4ndnisses und jeglicher Definition von Kunst \u2013 Menschen gibt, die nicht leben k\u00f6nnen, ohne sich k\u00fcnstlerisch oder kreativ auszudr\u00fccken. Genauso gibt es Menschen, die diesen Drang nach Ausdruck nicht oder nur in geringem Ma\u00df versp\u00fcren. Beides ist gut so, wie es ist. 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