{"id":60,"date":"2014-12-18T11:28:31","date_gmt":"2014-12-18T10:28:31","guid":{"rendered":"http:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=60"},"modified":"2023-03-05T13:38:47","modified_gmt":"2023-03-05T11:38:47","slug":"sofias-sofa","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?page_id=60","title":{"rendered":"Sofias Sofa"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eGuten Tag, ich m\u00f6chte Ihnen erz\u00e4hlen, wieso ich bei diesem Kurzgeschichten-Wettbewerb mitmache. Ich habe Ihre Ausschreibung im M\u00f6belgesch\u00e4ft in unserem Dorf gefunden, und der Titel der Geschichte ist mir grad ins Auge gesprungen: Mein Lieblingsm\u00f6bel. Da musste ich nicht lange \u00fcberlegen, denn wenn auch mein Lieblingsm\u00f6bel nicht mir, sondern meinem Freund geh\u00f6rt, so ist es dennoch mein Lieblingsm\u00f6bel. Ein uraltes Sofa. Wissen Sie, und weil ich dazu noch Sofia hei\u00dfe, passt das besonders gut zu mir. Findet jedenfalls mein Freund Leo. Aber ich will Ihnen nun verraten, weshalb ich dieses Sofa so mag. (Vielleicht wird&#8217;s ja gar keine Geschichte?) Also, ich erz\u00e4hle Ihnen einfach mal von diesem Sofa. Und wieso es dort steht, wo es steht, n\u00e4mlich auf Leos gro\u00dfer Terrasse. Er hat es vom Sperrm\u00fcll. Nein, das hei\u00dft, er sah es am Abend vor dem Sperrm\u00fclltag am Stra\u00dfenrand im Unterdorf stehen. Weil noch keine Abfuhrmarke drauf klebte, dachte er, dass es doch eine gute Idee, eine Glanzidee sogar sei, wenn er es mitn\u00e4hme und auf seiner Terrasse installiere. Die alten Besitzer h\u00e4tten bestimmt nichts dagegen, denn sonst h\u00e4tten sie die Marke sicher schon aufgeklebt. Nicht wahr, das darf man doch?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Sofia hielt inne und nagte an ihrem Bleistift. Nein, so konnte sie die Geschichte unm\u00f6glich erz\u00e4hlen. Sie konnte doch nicht einfach so drauflos schreiben wie bei einem Schulaufsatz. Tatsache war, dass sie gerne schrieb, aber keine \u00dcbung darin hatte, eine Geschichte zu schreiben. Briefe, ja, das ging. Darum hatte sie sich gedacht, die Geschichte wie einen Brief zu schreiben. Aber jetzt, wo sie es las, t\u00f6nte es doch ziemlich banal und kindlich. Und das mit dem Sperrm\u00fcll musste sie streichen, es t\u00f6nte so moralisch. Und weil der Wettbewerb von einem M\u00f6belgesch\u00e4ft ausgeschrieben war, konnte sie doch auch nicht schreiben, dass das Sofa aus dem Sperrm\u00fcll stammte? Na ja, es war ja immerhin auch mal neu gewesen und hatte fr\u00fcher wohl einer Familie als gem\u00fctlichen Wohnmittelpunkt gedient.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Nein, sie musste es anders anpacken, und vor allem musste sie erz\u00e4hlen, wieso sie das Sofa so mochte. Denn das war ja nicht nur wegen ihrem Namen. Obwohl &#8230; Leo nannte ihre gemeinsamen Feierabendstunden, die sie im Fr\u00fchling, im Sommer und bis in den Herbst hinein, oft in dicke Wolldecken geh\u00fcllt, auf dem Sofa verbrachten, Sofasophierereien. Denn auf dem Sofa hatten sie schon so viele Stunden im Gespr\u00e4ch verbracht. Zu zweit, mit den Kindern, mit G\u00e4sten &#8230; Hatten auf ihm Probleme gew\u00e4lzt, hatten sich ihre Sorgen und N\u00f6te erz\u00e4hlt, hatten gespielt, geraucht, gelacht und geweint. Ja, dar\u00fcber musste sie schreiben.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Sie dachte an den Abend zuvor. Leo und sie waren ersch\u00f6pft vom Tag, doch noch zu wenig bettschwer, auf dem Sofa gehockt und hatten sich \u00fcber Sams Besuch unterhalten. Sam, ein alter Freund, war wie schon so oft nach Feierabend auf einen Kaffee vorbeigekommen. Er hatte schon bald mal, wie fast immer, seine Hanft\u00fcte und den Tabak hervorgeholt und sich einen Joint gedreht. Je k\u00fcrzer der Joint geworden war, desto l\u00e4nger waren seine S\u00e4tze geworden. Sofia hatte l\u00e4ngst nicht mehr genau zugeh\u00f6rt. Oftmals wiederholte sich Sam, so dass sie ihren Gedanken erlaubte, selber auf Reisen zu gehen. Pl\u00f6tzlich stand sie wie daneben, sah die drei Menschen auf dem Sofa sitzen. Sah die Verbundenheit der drei so verschiedenen Seelen. Erkannte die Kostbarkeit und zugleich die Nichtigkeit eines Lebens, jeden Lebens, die Verbundenheit. Und begriff, dass Freundschaften die Essenz des Lebens sind. Und dass die Zeit, die sie mit Freunden und Freundinnen verbrachte, eigentlich das kostbarste Gut ihres Daseins waren. Die bestinvestierte Zeit sozusagen. Kaum wahrgenommen, war dieser Impuls auch schon wieder vorbei, und sie sa\u00df wieder ganz bei den anderen beiden und lauschte ihren Gespr\u00e4chen. Leo sprach gerade davon, dass alle Gedanken schon mal da gewesen seien, fr\u00fcher oder auch gleichzeitig, und dass es nichts, aber auch gar nichts Neues mehr zum Denken g\u00e4be. Sam dementierte grinsend: \u201eDu willst also sagen, dass ich lauter Recyclingzeugs oder gar Sperrm\u00fcll im Kopf habe?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Sofia stellte sich dies vielleicht ein bisschen allzu bildlich vor, doch der Gedanke gefiel ihr. \u201eJa, das glaube ich schon irgendwie &#8230; aber nicht nur du, wir alle &#8230;. Hey, es haben doch zu allen Zeiten Menschen, wie wir drei hier, zusammen gesessen und sich \u00fcber den Sinn und Unsinn dieses Erdendaseins Gedanken gemacht. Und? Wisst ihr, was ich glaube? Dass es trotz allem Geleier und allen Thesen und Theorien doch nur um eines geht: um Liebe, um Freundschaft und darum, echt und authentisch zu sein. Sogar wenn wir w\u00fctend sind, oder wenn wir mies drauf sind: einfach echt zu sein! Nur so k\u00f6nnen wir wirklich gesund leben! Und wenn es denn eine g\u00f6ttliche Kraft gibt &#8211; ja, daran glaube ich eigentlich -, dann ist sie so umfassend, dass sie uns nicht verurteilt! Sondern dass wir einfach dadurch, wie wir gelebt haben, in die Ewigkeit oder ins n\u00e4chste Leben gleiten &#8230; einfach immer weiter der vollkommenen Liebe entgegen. Und bestimmt haben alle Menschen diese Art Grundwissen in sich. Aber sicher ganz verschieden &#8230; weil wir ja alle so verschieden sind.\u201c Sam runzelte die Stirn. \u201eJa, das k\u00f6nnte schon sein &#8230; dass wir alle im Grunde, so ganz in der Tiefe drin, den gleichen innern Wissenskern haben?!\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Leo klopfte sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. \u201eDas ist ja wie in der Anatomie: Jede Zelle im K\u00f6rper hat die gleichen Kerninformationen! Aber alle Zellen haben verschiedene Jobs! Und genau so friedlich wie die Zellen in meinem K\u00f6rper k\u00f6nnten doch wir Menschen leben? Tja &#8230; und wenn ich krank bin? Dann gab&#8217;s im K\u00f6rper wohl vorher eine Art Krisensitzung, und die da drin haben beschlossen, etwas zu finden, um mich zum Umdenken oder Ruhigwerden zu bringen? Na ja, so einfach kann&#8217;s vielleicht bei uns Menschen doch nicht sein?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Nachdem Sam gegangen war, klangen die Gedanken nach. Leo meinte: \u201eWei\u00dft du, ich glaube, ich kann nicht wirklich leben, ohne mir auf die eine oder andere dieser Sinnfragen Antworten gegeben zu haben &#8230; aber &#8230;\u201c Er hielt inne, wie um sich innerlich zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob sein Gedanke seiner Wahrheit entsprach. \u201eAber wei\u00dft du, ich habe schon so oft meine Antworten revidiert, und wenn ich ehrlich bin, kann ich mir nicht vorstellen, dass es nur eine Antwort auf alle diese Fragen gibt. Und ich glaube, ich habe wohl doch auch gelernt, ohne letzte Antworten zu leben.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Sofia nickte: \u201eJa, ich auch. Aber f\u00fcr mich gibt&#8217;s wohl doch einen Ma\u00dfstab. Ich will einfach immer mehr in der Liebe sein. Mich, dich lieben. Dann bin ich n\u00e4mlich ganz fest in mir drin mit dieser g\u00f6ttlichen Mitte verbunden. Die Liebe ist wie diese Birke da dr\u00fcben. Mal ist sie dem Wind, mal der hei\u00dfen Sonne, mal den Schneest\u00fcrmen ausgesetzt. Aber sie ist einfach da, best\u00e4ndig. So will ich leben &#8230; und lieben! Vielleicht besteht ja der Sinn des Lebens darin, dass wir am Abend zufrieden mit unserem Tag zu Bett gehen, bereit f\u00fcr sch\u00f6ne Tr\u00e4ume und f\u00fcr einen neuen Tag?\u201c Daran kn\u00fcpft Leo an: \u201eJa, einfach Sch\u00f6nheit zu sehen, ohne sie ist alles nix. Wahrzunehmen, was ist. Sichtbares und Unsichtbares. Dankbarkeit! F\u00fcr den Atem, das Wasser, die W\u00e4rme! Und die Nahrung! Aber was ist, wenn dir was davon fehlt? Oooops, ist denn F\u00fclle, ist Mangel, ist Schmerz, ist Gl\u00fcck nur Illusion? Und? Was n\u00e4hrt uns denn wirklich, ich meine, innen drin?\u201c<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">\u201eTja, das kann ich nur f\u00fcr mich sagen: In meiner Mitte zu sein, ganz bei mir, wie jetzt, sp\u00fcren, was mir gut tut. Und drum, mein Schatz, geh ich schlafen!\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Courier, monospace;\"><span style=\"font-size: small;\">Noch immer sitzt sie da, nagt am Bleistift und sucht nach einem Weg, das Sofa, worauf sie sitzt &#8211; ihr kleines Lebenszentrum &#8211; mit Worten zu beschreiben. Ihr Schiff in andere Gedankenwelten. Und warum es sie gl\u00fccklich macht, dieses alte Sofa zu besitzen. Ob sie diese Geschichte wohl je schreiben wird?<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">~~~<\/p>\n<p><em>\u00a9 by Denise Maurer<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">~~~<\/p>\n<p><strong>3. PREIS<\/strong> im <strong>Autoren-Wettbewerb 2005<\/strong> zum Thema \u201eSinn finden\u201c der PSI-Tage Basel. Ver\u00f6ffentlichung im gleichnamigen Buch des PSI-Verlages. [<strong><a href=\"http:\/\/www.psi-tage.ch\/autorenwettbewerb.html\">Infos hier.<\/a><\/strong>]<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eGuten Tag, ich m\u00f6chte Ihnen erz\u00e4hlen, wieso ich bei diesem Kurzgeschichten-Wettbewerb mitmache. Ich habe Ihre Ausschreibung im M\u00f6belgesch\u00e4ft in unserem Dorf gefunden, und der Titel der Geschichte ist mir grad ins Auge gesprungen: Mein Lieblingsm\u00f6bel. 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