{"id":1487,"date":"2016-02-15T14:15:20","date_gmt":"2016-02-15T12:15:20","guid":{"rendered":"http:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?p=1487"},"modified":"2019-02-25T14:17:07","modified_gmt":"2019-02-25T12:17:07","slug":"anskap-buchbesprechung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/?p=1487","title":{"rendered":"#AnsKap | Buchbesprechung"},"content":{"rendered":"<p>Wir befinden uns mitten in Schweden, ein paar hundert Kilometer n\u00f6rdlich von Stockholm, und sehen dem Helden unserer Geschichte dabei zu, wie er im See badet. Oder zumindest wie er im See baden will. Er steht n\u00e4mlich einfach nur da und tut scheinbar nichts.<\/p>\n<p><em>\u201eMinutenlang stehe ich bis zu den Knien im Wasser, starre hinaus auf den See und stelle mir vor, wie ich langsam in die Knie gehe, die Wasseroberfl\u00e4che sich an meinem K\u00f6rper hochschiebt bis zum Hals, ich mich absto\u00dfe und schlie\u00dflich hineingleite. Dr\u00fcben am Ufer schimmern Boote und zwischen den B\u00e4umen lugen Holzh\u00e4user. Es ist wie aus dem Alltag in das Reiseleben hin\u00fcber gleiten, denke ich. Fast das selbe Gef\u00fchl, wie ich es am ersten Reisetag hatte. Nur, dass ich ruhiger bin. Das Reiseleben erscheint einem zu Hause, \u201eim laufenden Betrieb\u201c des eigenen Lebens wie eine k\u00fchle, unheimliche Wassermasse, in die man steigt. [\u2026] Es ist nicht das kalte Wasser, das mir Schwierigkeiten macht, in den See zu steigen, und es ist auch nicht das Unterwegssein, das das Losradeln so schwer macht, es ist die Vorstellung, dass der See kalt ist und dass unter der Oberfl\u00e4che, wenn man einmal schwimmt, Unbekanntes liegt, das jederzeit am schutzlosen K\u00f6rper z\u00fcngeln k\u00f6nnte. Unterwegs, wie hier in der konkreten Situation. Diese Seerose, da vorne, da verstecken sich doch sicher Tiere, die nur darauf warten, den Schwimmer, wenn er denn mal endlich eintaucht, zu be\u00e4ugen. Hirngespinste. Genau wie beim Reisen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>J\u00fcrgen Rinck schreibt im Kapitel \u00dcbergang \u00fcber seine Motivation und die Schwierigkeit einfach Loszuradeln. Und was es bedeutet, das Leben daheim \u2013 mit all den Sicherheiten, scheinbaren und echten Pflichten und den lieben Menschen \u2013 f\u00fcr eine Weile hinter sich zu lassen. Es ist seine Hingabe an den Weg, die auf der Radreise ans Nordkap auf jeder Seite seines Buches sichtbar wird. Sie ist der rote Faden seines k\u00fcnstlerischen Schaffens, das nicht zuletzt auch aus Reisen wie dieser lebt.<\/p>\n<p>Ein Lob der Langsamkeit sind sie auch, sein Reisegeschichten vom Weg ans Kap, und ein Anachronismus zum Immer-Schneller und Immer-Mehr unserer Zeit, zumindest was seinen Reiserhythmus betrifft. Zwar ist Rinck mit viel moderner Technik unterwegs, doch diese ist nur Mittel zum Zweck. Zweck und Ziel der Reise ist es wom\u00f6glich, eine Brotkr\u00fcmelspur durch Raum und Zeit zu legen, genauer hinzuschauen als wir gemeinhin k\u00f6nnen, genauer hinzuh\u00f6ren. Rinck ist nicht nur sein eigener Chronist, er f\u00fchlt auch der Zeit auf den Zahn. Velosophisch nennen Blog- und Twitter-Follower seine Blogtexte, die von unterwegs, in Echtzeit, aufs Netz geladen werden. Seine Aufnahmen von unterwegs \u2013 in Worten und mit der Kamera eingefangen \u2013 sind keine gesch\u00f6nten Bilder, sondern Skizzen, die keinen Anspruch auf Objektivit\u00e4t erheben. Genau davon lebt das vorliegende Buch.<\/p>\n<p>In origineller Sprache mit Schalk, Humor und Tiefgang, erz\u00e4hlt J\u00fcrgen Rinck vom Leben auf der Stra\u00dfe. Von den Begegnungen mit anderen Menschen, abwesenden Katzen, Elchen und sich selbst. Und selbst wenn er einen kritischen Blick auf Zerfall und Zerst\u00f6rung wirft, ist es niemals der Moralfinger, der da winkt.<\/p>\n<p><em>\u201eWas sehne ich mich nach einem Kinobesuch, irgendwo in Deutschland oder der Schweiz in irgendeinem lustigen Film. Einem Spa\u00dfbad, einem Open Air-Konzert oder einem Besuch in einem Technikmuseum. Egal. Irgendwas, was den goldenen Vorhang wieder vor meine Augen zieht, damit ich weiter an die Illusion der Ewigkeit des gelebten Lebens glauben kann und daran, dass das, was ich tue, was wir tun, was vorgeht in dieser Welt, einen Bestand hat.<\/em><br \/>\n<em>Die Risse im Asphalt des Radwegs am Kalix\u00e4lven zerst\u00f6ren diese Illusion. Ein, zwei Jahre nichts tun, ein, zwei Jahre keine Menschen, die hier Hand anlegen, und der Weg sieht aus wie nie gewesen. Schon jetzt dr\u00e4ngen sich Birkensch\u00f6sslinge neben Gras aus der Narbe im Teer. [\u2026]<\/em><br \/>\n<em>Nun, beim Fr\u00fchst\u00fcck im Schneidersitzb\u00fcro, beobachte ich das Hafentreiben. [\u2026]<\/em><br \/>\n<em>Niemand nimmt Notiz von mir, bzw. es ist so, als geh\u00f6re ich dazu. Teil des Hafens in einem kleinen schwedischen Dorf an der Ostsee. Das ist wie Davy Jones in Fluch der Karibik. Tausend Jahre Teil eines gesunkenen Kahns sein.<\/em><\/p>\n<p><em>Hach, und gerade h\u00e4tte ich echt Lust, mir die Fluch der Karibik-Filme anzuschauen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>\u00a9 by Denise Maurer<\/p>\n<p>+++<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Rinck<\/p>\n<p><strong>#AnsKap | Mit dem Fahrrad ans Nordkap<br \/>\n<\/strong>Erschienen bei als eBook (pdf und epub) bei <a href=\"https:\/\/denise-maurer.schriftgut.ch\/verlag\/\">sosofe-ebooks<\/a><br \/>\nEUR 9.99 | Fr. 11.&#8211;<\/p>\n<p>+++<\/p>\n<p><strong>\u00dcber den Autor<\/strong><br \/>\nJ\u00fcrgen Rinck alias Irgendlink, geboren 1966 in Zweibr\u00fccken, studierte Bauingenieurwesen und Wirtschaftslehre, bevor er sich ab 1995 der Entwicklung von konzeptuellen Kunstprojekten widmete. Autodidakt. Schwerpunkte sind Fotografie in Kombination mit Literatur und Software, was zu einer Genre-Mischung f\u00fchrt, f\u00fcr die es keine Vorlage gibt: Appspressionismus.<\/p>\n<p>Irgendlink lebt auf einem einsamen Geh\u00f6ft in Rheinland-Pfalz.<br \/>\nKontakt: irgendlink[at]t-online.de<br \/>\nWebseite: http:\/\/irgendlink.de<\/p>\n<p><strong>\u00dcber das Buch<\/strong><br \/>\n1995 radelte J\u00fcrgen Rinck alias Irgendlink von Mainz bis fast ans Nordkap und machte alle zehn Kilometer ein Foto der bereisten Strecke.<br \/>\nZwanzig Jahre sp\u00e4ter begibt er sich auf die Suche nach seiner eigenen Spur zu den alten Fotostandorten. Das Projekt wird live gebloggt. \u201eDiesseits und jenseits der digitalen Revolution\u201c k\u00f6nnte der Arbeitstitel dieser Geschichte sein. Neben der rein physischen Reise durch Deutschland und Skandinavien tritt der K\u00fcnstler auch eine Reise durch die j\u00fcngste Geschichte an. Politisch, geografisch und technisch sind wohl nie so viele bahnbrechende Ereignisse auf engstem Raum eingetreten wie in diesem Jahrzwanzigst. Von \u201eWindows 95\u201c bis Ubuntu \u201eSnappy\u201c, von papierenen Landkarten bis zum GPS, von Null bis Facebook, Twitter und noch ein St\u00fcckchen weiter hinein in die Cloud. Die Reise f\u00fchrt vom Europa der Grenzen und vielen W\u00e4hrungen in ein vereinigtes Etwas von 28 Staaten, das sich wom\u00f6glich vor einer Zerrei\u00dfprobe befindet. Viele Themen gibt es und t\u00e4glich frisch bloggt der Reisek\u00fcnstler \u00fcber seine Erlebnisse. Vor der malerischen Kulisse einer K\u00fcnstlervergangenheit spielt ein live erlebter Roadmovie und jeder, der sich in dieses Blog vertiefen mag, ist mit dabei.<br \/>\n[Quelle: J\u00fcrgen Rinck]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir befinden uns mitten in Schweden, ein paar hundert Kilometer n\u00f6rdlich von Stockholm, und sehen dem Helden unserer Geschichte dabei zu, wie er im See badet. Oder zumindest wie er im See baden will. 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